Laufende Dissertationen
Internationale Sicherheit
Die jüngsten Ereignisse im Nahen Osten, in der Ukraine und in Nordkorea zeigen, dass die Gefahr durch nukleare, chemische und biologische Waffen nach wie vor hoch ist. Die bestehenden internationalen Sicherheitsregime in Bezug auf diese Waffen sind zwar robust, befinden sich aber in einer Krise. Verstöße und Anfechtung der Regime führen zu Schocks und Krisen, die sie entweder stärken oder schwächen können. Einhaltung und Durchsetzung sind die normativen Praktiken, mit denen auf solche Verstöße reagiert werden kann. Die Robustheit von chemischen, biologischen und nuklearen Waffenregimen hängt mit der Wirksamkeit der bestehenden Durchsetzungsnormen und -verfahren zusammen. Da sich alle drei Regime an einem Wendepunkt befinden, ist es an der Zeit, die Entwicklung der Durchsetzungspraktiken in den drei Regimen zu analysieren. Das Projekt umfasst eine regimeübergreifende Analyse der Durchsetzungsnormen und -verfahren, um die Unterschiede zu untersuchen und ein Verständnis für die Auswirkungen auf die Regime zu vermitteln.
Das Promotionsprojekt von Samuel Forsythe beschäftigt sich mit der Beziehung und Entwicklung von politischem Konflikt, Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) und strategischer Praxis. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung von Theorien, Praktiken und Diskursen, die Wissen, Kognition und Kommunikation als politische und militärische Mittel instrumentalisieren. Die Motivation für die Untersuchung ist die Frage: Wie haben neue Medien und Technologien Konflikte in den kommunikativen und kognitiven Bereichen ermöglicht und transformiert?
Die Arbeitshypothese ist, dass IKT eine Intensivierung von Konfliktarten fördern, die Stratagem, Täuschung und Manipulation als wesentliche Instrumente für politische Akteure hervorheben und gleichzeitig die Verbreitung dieser Instrumente unter nicht-staatlichen Akteuren ermöglichen. Darüber hinaus schafft der "hybride" Charakter der heutigen Gesellschaft - in dem die Technologie unsere kognitiven und kommunikativen Prozesse externalisiert - eine Situation, in der Angriffe auf Informationsverarbeitungssysteme eine Form von Gewalt darstellen können.
Empirisch beinhaltet diese Forschung eine Analyse der neuen Formen der strategischen Rationalität, die durch den Diskurs und die Praktiken der Staatskunst, des Geheimdienstes und der Informationskriegsführung, der Cyber- und Informationssicherheit und deren Wechselwirkungen mit dem breiteren Feld der sozialen Kommunikation und der kollektiven epistemischen Praxis entwickelt werden.
Dieses Projekt untersucht, warum die Verbote von chemischen und biologischen Waffen (CBW) trotz schwacher Verifizierungs- und Durchsetzungsmechanismen vergleichsweise robust bleiben. Ausgehend von der Erkenntnis, dass CBW-Verbote als moralische Normen fungieren, kombiniert das Projekt Perspektiven aus der Moralpsychologie und der konstruktivistischen Theorie der internationalen Beziehungen, um nachzuverfolgen, wie die Individualisierung von Normen zu kollektiver Einhaltung und Regimestabilität führen kann. Das Projekt ist Teil der umfassenderen Forschungsagenda des CBWNet zur Stärkung und Sicherung von CBW-Normen und untersucht, unter welchen Bedingungen diese Verbote Anfechtungen standhalten und wie sie verstärkt werden können. Ziel ist es, praxisrelevante Strategien zu entwickeln, um die Widerstandsfähigkeit von CBW-Normen angesichts politischer, technologischer und sicherheitspolitischer Herausforderungen aufzuzeigen, zu erklären und zu stärken.
Diese Dissertation untersucht am Beispiel der Vereinigten Staaten, warum Atommächte, die sich in einem erweiterten Abschreckungsverhältnis befinden, Verhandlungen über nukleare Rüstungskontrolle aufnehmen – und unter welchen Bedingungen sie dies tun. Während sich die bestehende Forschung vor allem mit den Bedingungen für erfolgreiche Vertragsabschlüsse befasst, richtet diese Arbeit den Fokus auf eine vorgelagerte Frage: Warum beginnen solche Staaten überhaupt mit Verhandlungen – insbesondere, wenn sie innerhalb eines Bündnissystems die Glaubwürdigkeit ihrer nuklearen Sicherheitsgarantien wahren müssen?
Ausgehend vom neoklassischen Realismus entwickelt diese Arbeit einen theoretischen Ansatz, der internationale Systemdynamiken mit innenpolitischen Faktoren verknüpft. Sie geht von der Hypothese aus, dass ein Nuklearwaffenstaat, sich in einem erweiterten Abschreckungsverhältnis befindet, dann auf Rüstungskontrolle setzt, wenn er sein Heimatland als verwundbar empfindet, aber innenpolitische Zwänge den Ausbau militärischer Fähigkeiten zur Verringerung dieser Verwundbarkeit einschränken. Mittels Prozessanalyse sowie auf Basis freigegebener Archivquellen und Experteninterviews untersucht die Dissertation, wie das Zusammenspiel internationaler und innenpolitischer Faktoren die Entscheidung zur Aufnahme von Rüstungskontrollverhandlungen prägt.
Durch die Betrachtung der Vereinigten Staaten – der einzigen Atommacht mit einer durchgängigen Praxis nuklearer Rüstungskontrolle im Rahmen erweiterter Abschreckung – leistet die Arbeit einen Beitrag zur Entwicklung einer umfassenderen Theorie der Rüstungskontrollinitiation und bietet damit auch einen analytischen Rahmen für aktuelle Debatten der nuklearen Sicherheitspolitik.
Dieses Promotionsprojekt trägt zur neueren politikwissenschaftlichen Forschung bei, die sich erneut den „Brückenschlag“ zwischen Wissenschaft und Praxis bearbeitet sowie die Chancen und Herausforderungen des wissenschaftlich-politischen Austausches bei der Lösung politischer Fragen. Transformationsprozesse und globale Verschiebungen haben zur Erosion der traditionellen, rüstungskontrollpolitischen Säulen des Kalten Krieges beigetragen. Des Weiteren wirken sich neue Technologien und Fortschritte auf die zukünftige Rüstungskontrolle aus, auch wenn bislang noch unklar ist, wie genau. Im Kontext dieser Entwicklungen benötigen politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger technisches und feldspezifisches Wissen. Gleichzeitig wird die Arbeit der Wissenschaftler:innen aber auch von politischen Prozessen und Logiken beeinflusst. Aktuell gibt es allerdings nur wenig vergleichende Forschung über die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Politik in der Rüstungskontrolle, die in verschiedenen formellen und informellen Zusammenhängen stattfinden. Mein Promotionsprojekt verbindet die Theoriebildung zu sogenannten „epistemic communities“ mit der neueren, interdisziplinären Forschung zum Thema Wissenstransfer und Wissensaustausch und untersucht das Handeln von Sozial- und Naturwissenschaftlern in rüstungskontrollpolitischen Prozessen in Deutschland. Die Dissertation beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von und Spannungsfeld zwischen Werten, Aktivismus und wissenschaftlicher Evidenz in wissenschaftlich-politischen Interaktionen. Empirisch liegt der Fokus dabei auf der deutschen Rüstungskontroll-Community. Es wird ein Mixed-Methods-Ansatz verwendet, welcher quantitative Daten (Umfrage) und qualitative Forschung (vertiefende Fallstudien, Interviews, teilnehmende Beobachtungen) miteinander kombiniert.
Zukünftige nukleare Abrüstungsverträge werden voraussichtlich die Überprüfung der vollständigen und korrekten Deklarationen von Bestandteilen von Kernwaffenprogrammen beinhalten. Die nukleare Archäologie ist ein Forschungsbereich, der darauf abzielt, die Betriebsgeschichte von Anlagen zur Herstellung von Spaltmaterial zu rekonstruieren, das ein wesentlicher Bestandteil von Kernwaffen ist. Die Methoden der nuklearen Archäologie können Abschätzungen über die Produktion von Spaltmaterial in der Vergangenheit liefern, was sie zu einem nützlichen Hilfsmittel bei der Beurteilung der Vollständigkeit von Deklarationen über Spaltmaterial macht.
Dieses Forschungsprojekt, das in der Forschungsgruppe Science for Nuclear Diplomacy des Cluster Natur- und Technikwissenschaftliche Rüstungskontrollforschung (CNTR) angesiedelt ist, soll die bestehenden Techniken durch die Einbeziehung neuartiger Datenquellen und hochentwickelter statistischer Datenanalysewerkzeuge verbessern. Es ist geplant, forensische Messwertanalysen, die ein wichtiges Instrument in der nuklearen Archäologie sind, zu verbessern, indem sich systematisch auf die wichtigsten Informationen konzentriert wird und Messungen mit Daten aus Archiven ergänzt werden, die den historischen Betrieb von Kernreaktoren dokumentieren. Ein besonderer Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Implementierung von Techniken des maschinellen Lernens, einschließlich unlängst etablierter Methoden aus dem Bereich des Deep Learning, um große Datensätze geeignet analysieren und zuverlässige statistische Aussagen treffen zu können. Schließlich wird die Einbettung von statistischen Ergebnissen in ein politisches Verifikationssystem behandelt.
Internationale Institutionen
Unter Bezugnahme auf die Diskurstheorie des Rechts behandelt Antonio Arcudis Dissertationsprojekt die Frage, welche Auswirkung die Kontestation internationaler Normen, d. h. ihre diskursive Anfechtung und Umstrittenheit, auf die jeweils umstrittenen Normen ausübt.
Schutzverantwortung und IStGH zwischen Weiterentwicklung und Erosion
Das Dissertationsprojekt „Die normative Kraft des Streits: Auswirkungen von Kontestation auf die Dynamik internationaler Normen“ knüpft an die existierende Forschung zu internationalen Normen an, die sich zwar bereits umfassend mit Normkontestation auseinandergesetzt hat, in der jedoch Uneinigkeit darüber existiert, ob sich die Anfechtung von Normen normstärkend oder -schwächend auswirkt. Am Beispiel zweier umstrittener internationaler Normen – der internationalen Schutzverantwortung und der Norm internationaler Strafverfolgung im Falle von schwersten Menschenrechtsverletzungen sowie Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht – geht das Projekt insbesondere der Frage nach, inwiefern Normkontestation zu einer Spezifizierung der jeweiligen Normen führt.
Die qualitative und quantitative Ausweitung der EU-Sanktionen in den letzten Jahren ist nicht nur angesichts der wiederholten Hinweise auf ihre begrenzte Wirksamkeit überraschend, sondern auch angesichts der divergierenden nationalen Interessen der EU-Mitgliedstaaten. Das Projekt öffnet die „Black Box“ der EU-Sanktionen, indem es die Anfechtungspraktiken im EU-Diskurs über die Umsetzung von Sanktionen im Europäischen Parlament als dem wichtigsten öffentlichen Forum der EU analysiert. Abgesehen von den wirtschaftlichen und verhaltensbezogenen Zielen, die mit Sanktionen üblicherweise verfolgt werden, wird argumentiert, dass die Wirksamkeit von Sanktionen für die Sanktionsgeber auch aus der ihnen zugrunde liegenden Signalwirkung als normative und ordnungsgenerierende außenpolitische Instrumente resultieren kann. Zum Zweck der Untersuchung der EU-Sanktionen gegen Russland wird eine konstruktivistisch-interpretative Perspektive eingenommen und eine diskursanalytisch informierte Inhaltsanalyse mit Experteninterviews trianguliert. Angesichts des gegenwärtigen Zustands Spielraum gewährender rechtlicher Sanktionsrahmen leistet das Projekt einen Beitrag, indem die Konzeptionen von Sanktionen der beteiligten EU-Akteure in der Umsetzungspraxis untersucht werden, wodurch wiederum unser Verständnis der Nutzenfunktion von Sanktionen erweitert wird.
Die Europäische Kommission hat Desinformation im Jahr 2018 als eine große Herausforderung erkannt und ihre schädlichen Auswirkungen auf das Vertrauen in Institutionen und Medien sowie ihre Fähigkeit, eine fundierte Entscheidungsfindung in Demokratien zu verhindern, hervorgehoben. Darüber hinaus haben ausländische Einmischung und die COVID-19-Pandemie die geopolitische Bedrohung durch Desinformation verstärkt. Die Technologien der sozialen Medien haben die Verbreitung von Falschinformationen erleichtert, deren Bekämpfung sich für Staaten und internationale Organisationen wie die EU als schwierig und kostspielig erwiesen hat. Obwohl Desinformation gesellschaftliche Spaltungen ausnutzt, zu Polarisierung führt und die Sicherheit untergräbt, bleibt unklar, welche Auswirkungen sie tatsächlich auf Institutionen wie die EU hat, da sich die Bewertung der Auswirkungen als schwierig erwiesen hat. Dieses Dissertationsprojekt zielt darauf ab, diese Forschungslücke zu schließen, indem es analysiert, inwieweit Desinformation die EU beeinflusst, indem es die Ursprünge, die Auswirkungen und die Methoden zur Bekämpfung von Desinformation auf verschiedenen Ebenen innerhalb der EU untersucht. Mithilfe eines Mixed-Methods-Ansatzes wird die Dissertation die Auswirkungen von Desinformation auf der Mikro- (Individuen), Meso- (Medienlandschaft) und Makroebene (öffentlicher Diskurs) von 2019 bis 2024 bewerten, einschließlich ihrer Auswirkungen auf Wahlen und die Pandemieprävention. Dieses PhD-Projekt ist Teil der LOEWE-Forschungsgruppe Weltordnungen im Konflikt.
Transnationale Politik
Die terroristische Bedrohung ist seit Jahrzehnten in europäischen Staaten ein allgegenwärtiges Phänomen. Dennoch sind ihre Auswirkungen auf die öffentliche Meinung, das politische Geschehen und die innerstaatlichen Debatten derzeit stärker denn je zuvor. Parallel steht das europäische Projekt auf dem Prüfstand: Rechtspopulistische Parteien erleben einen Aufschwung, und die Zukunft des Nationalismus, der Einwanderung und der Europäischen Union wird sowohl zwischen den Mitgliedsländern als auch innerhalb ihrer jeweiligen Gesellschaften kontrovers diskutiert.
Diese Untersuchung hat das Ziel, Antworten auf die Frage nach dem Einfluss der terroristischen Bedrohung auf den Identitätsdiskurs in Frankreich und Deutschland zu finden. Dazu untersucht Damaris Braun, inwieweit Terroranschläge nationale Identitätsmarker verstärken. Ein weiteres Forschungsziel ist die Klärung der Frage, in welcher Weise die terroristische Bedrohung das individuelle Lebensumfeld verändert und damit unsere situierten Identitäten beeinflusst. Ausgehend von einer Theorie sozialer Identität wird eine Interdependenz und/oder Interferenz zwischen nationalen und europäischen Identitätskonstruktionen angenommen. Zusätzlich berücksichtigt die Studie Aspekte wie Handlungsfähigkeit, Rekonstruktion einer positiven Identität und übergeordnete Identitätskategorien.
Im Rahmen eines „Mixed Method“-Designs erhebt Damaris Braun auf diese Weise neue Daten zum Einfluss terroristischer Bedrohungen auf Identitätsprozesse auf nationaler und supranationaler Ebene, und leistet so einen wichtigen Beitrag zur Identitäts- und Terrorismusforschung.
Dieses Promotionsprojekt untersucht den Aufstieg antifeministischer, verschwörungstheoretischer Mobilisierung in Deutschland, der insbesondere geprägt ist von rechtskonservativen, katholischen und rechten Akteuren, die sich gegen Geschlechtergerechtigkeit und gegen die Rechte von queeren und trans Personen wenden. Sie betrachten diese als Treiber eines gesellschaftlichen Zusammenbruch durch die Erosion „natürlicher“ Geschlechterrollen. Aus psychologischer Sicht ist die Unterstützung des Antifeminismus nicht direkt nachvollziehbar, da sie eine Ablehnung von Politiken beinhaltet, die für viele Befreiung versprechen. Die verschwörungsideologische Opposition dagegen verknüpft Antifeminismus zudem mit antisemitischen Sichtweisen und stärkt so die Selbstsicht, sich in der Abwehr gegen vermeintlich feministische Eliten zu befinden. Dieses Projekt zielt darauf ab, zu erforschen, wie Menschen unterschiedlicher Geschlechtsidentitäten dennoch politische Ermächtigung in diesen Bewegungen erleben und wie sie jene wahrnehmen, die sie als Bedrohung sehen. Durch Interviews und die Analyse von Online-Narrativen werden die sozio-psychologischen Mechanismen untersucht, durch die Individuen politische Handlungsfähigkeit erlangen.
In ihrer Dissertation vergleicht Lotta Rahlf systematisch, wie europäische Länder bei der Evaluation von Maßnahmen der Extremismusprävention und -bekämpfung vorgehen. Die Forschung untersucht, wie und warum sogenannte Evaluationssysteme, Gefüge von Strukturen, in denen Evaluationen eingebettet sind, in Europa variieren. Indem sie Evaluationssysteme im Bereich der Extremismusprävention- und Bekämpfung vergleicht und Faktoren untersucht, die ihre Unterschiede erklären, macht ihre Dissertation auf die Vielfalt der Möglichkeiten aufmerksam, mit denen Länder die Generierung von evaluativem Wissen organisieren, um auf zunehmende Forderungen nach evidenzbasierten Präventionsmaßnahmen zu reagieren. Konkret untersucht Rahlf sowohl theoretisch als auch empirisch die Stellschrauben, die Evaluationssystem in einigen Ländern eher zentralisiert und in anderen eher dezentralisiert gestalten lassen. Die Dissertation ergründet somit, warum Evaluierungen von Maßnahmen der Extremismusprävention und -bekämpfung in einigen Länderkontexten stark staatlich kontrolliert werden, während sie in anderen Ländern stärker auf mehrere Instanzen verteilt sind. Neben einem ländervergleichenden deskriptiven Mapping von Evaluationsmanagement im Bereich der Extremismusprävention und -Bekämpfung in Europa wird sie mittels der qualitativen vergleichenden Analyse (QCA) untersuchen, welche Faktoren einen Einfluss auf bestimmte Ausgestaltungen solcher Evaluationssysteme haben. Auf der Grundlage der Ergebnisse wählt Rahlf schließlich drei Länder aus, um ihre jeweiligen Evaluationssysteme anschließend eingehend zu analysieren. Diese Dissertation, die Teil des von der EU finanzierten Marie-Skłodowska-Curie-Doktorandennetzwerks VORTEX ist, hat auch eine hohe praktische Relevanz, da sie es P/CVE-Praktikern und politischen Entscheidungsträgern ermöglicht, von anderen europäischen Kontexten zu lernen.
Sogenannte Reichsbürger*innen sind kein neues Phänomen in Deutschland. Die Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit – wie z.B. die Festnahmen rund um die „Patriotische Union“ seit Dezember 2022, die Protestbewegungen während der Covid-19 Pandemie und mehrere schwere Gewalttaten – verdeutlichen dennoch eine steigende gesellschaftliche Relevanz des Themenkomplexes. Der Wissensstand hierzu gestaltet sich aktuell jedoch fragmentarisch und verhindert eine tiefergehende forscherische Auseinandersetzung mit der Anhänger*innenschaft dieses ideologischen Spektrums. Vorläufige Analysen liefern Hinweise darauf, dass sich diese z.B. im Hinblick auf demografische Faktoren, aber auch bzgl. der Rolle von Sozialdynamiken und Organisationsformen von anderen, besser erforschten extremistischen Phänomenen unterscheiden könnte. Angesichts dieser Unterschiede können bestehende Konzeptualisierungen von Radikalisierung nicht ohne weiteres auf Reichsbürger*innen übertragen werden und es bedarf neuer, dezidierter Forschung.
In seinem Dissertationsvorhaben untersucht Maximilian Ruf auf Basis biographisch-narrativer Interviews individuelle Wege und Kausalitäten der Radikalisierung von Reichsbürger*innen in Deutschland. Ziel der Arbeit ist es, neues Wissen zu Radikalisierungsprozessen von Reichsbürger*innen zu generieren und zu systematisieren, um sie von anderen Radikalisierungsphänomenen abzugrenzen und neue Ansatzpunkte für weiterführende Forschung sowie Praxisentwicklung zu identifizieren.
Der Umgang mit postmigrantischer Diversität stellt eine aktuelle Anforderung an staatliche Institutionen in Deutschland dar. Der demografische Wandel sowie Rassismusdebatten führen zu einem Handlungsdruck, sich mit Fragen der Zugehörigkeit, Repräsentation und Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund auseinanderzusetzen. Insgesamt kann ein Bestreben von Polizeien beobachtet werden, Menschen mit Migrationshintergrund in Anwerbekampagnen anzusprechen und einzustellen. Diese Diversifizierung führt auf Grund der etablierten Polizei- und Organisationskultur jedoch nicht unbedingt zu einem institutionellen Wandel.
Auch wenn es noch keinen Paradigmenwechsel gibt, lässt sich eine Veränderung der deutschen Polizei im Umgang mit postmigrantischer Diversität feststellen. Dieses Dissertationsvorhaben untersucht mit ethnomethodologischen Methoden und qualitativen Interviews Diversitätsverständnisse in der deutschen Polizei, indem Praktiken der Diversitätsgestaltung analysiert werden.
Radikale Positionen finden derzeit in vielen europäischen Staaten und auch in Deutschland wieder verstärkt Zulauf und antidemokratisches und antiemanzipatorisches Gedankengut verbreiten sich. Vor allem online nimmt Hasskriminalität zunehmend zu und Kommentare sowie Äußerungen in der virtuellen Welt werden hemmungsloser. Besonders augenscheinlich ist diese Entwicklung seit einigen Jahren in den Phänomenbereichen des salafistischen Dschihadismus und des Rechtsextremismus.
Indem weitere Personen für die rechte oder die salafistische Ideologie gewonnen werden und die Gewaltbereitschaft innerhalb der Szenen steigt, scheinen die Mobilisierungsstrategien und -techniken extremistischer Akteure aufzugehen. Mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse von Facebookinhalten salafistischer und rechtsradikaler bzw. rechtsextremer Akteure untersucht Manjana Sold in ihrem Dissertationsvorhaben, welche Mobilisierungstechniken von unterschiedlich radikalen Personen eingesetzt werden und welche Unterschiede sich innerhalb der Phänomenbereiche sowie zwischen den beiden Phänomenbereich beobachten lassen.
Der Umgang mit Terrorismus hat spätestens seit dem 11. September 2001 die Agenden nationaler Sicherheit geprägt. Auch in Deutschland hat die Politik auf die als „neue Dimension“ wahrgenommene Bedrohung reagiert. Der Ansatz, den man dazu hierzulande verfolgt, setzt auf rechtsstaatliche Mechanismen, die den Terrorismus als Form der Kriminalität begreifen und ihm mit den Mitteln des Rechts begegnen (anders als im US-amerikanischen „war on terror“). So sind seit 2001 zahlreiche Gesetze zur oder mit Bezug auf Terrorismusbekämpfung auf Bundes- und Landesebene verabschiedet worden. Sie erstrecken sich über zahlreiche Rechtsgebiete, spiegeln ein weites Sicherheitsverständnis wider und haben das Gefüge der inneren Sicherheit immer wieder verschoben. Einige rechtsstaatliche Mechanismen wurden durch diese Transformationen heraus- und überfordert: Risikovorsorge und Vorfeld-Maßnahmen sollen Sicherheitsbehörden möglichst weit „vor die Lage“ bringen, dringen aber auch in grundrechtlich geschützte Bereiche vor und verwässern grundlegende Prinzipien, wie die Unschuldsvermutung.
In ihrem Dissertationsvorhaben untersucht Isabelle Stephanblome den gesetzgeberischen Umgang mit Terrorismus im Spannungsfeld von Politik, Recht und Unsicherheit. Dazu werden verschiedene Strategien zur Beherrschung von Unsicherheit typologisiert und Argumente zu deren Legitimation analysiert. Grundlage dafür ist die Gesetzgebung des Bundes und ausgewählter Bundesländer. Die Rechtstexte sowie die Dokumente ihrer Entstehungsprozesse sollen mit einem interpretativen Ansatz in einer qualitativen Fallstudie untersucht werden. Das Projekt verortet sich in der politikwissenschaftlichen Rechtsforschung und soll auch dazu beitragen, Recht als staatliches Instrument zur Verarbeitung von Unsicherheit für die Sicherheitsstudien zu erschließen.
Die Dissertation untersucht, wie Präventionshybride die Praxis beeinflussen. Extremismusprävention wird üblicherweise in drei Bereiche geteilt. In der Theorie wird zwischen primärer, sekundärer und tertiärer Prävention unterschieden. Während sich primäre Prävention an die Allgemeinheit richtet, versucht sekundäre Prävention Personen zu erreichen, von denen angenommen wird, dass ein erhöhtes Risiko hinsichtlich Radikalisierung besteht. Tertiäre Prävention zielt schließlich auf Distanzierung und Deradikalisierung ab. In der Praxis lassen sich jedoch Überlappungen zwischen den Bereichen wiederfinden, wodurch sich Handlungsziele sowie Ansätze vermischen. So werden beispielsweise Primärpräventionsprogramme im Kontext der Sekundärprävention umgesetzt und umgekehrt. Diese Präventionshybride verbinden dadurch Aspekte, die per Definition verschiedene Bereiche abdecken. Das Projekt untersucht dabei, wie Praktiker*innen diese Programme in unterschiedlichen Kontexten erleben und umsetzen. Die Dissertation ergründet damit, wie Möglichkeiten und Bedarfe in der Präventionspraxis ausgehandelt werden. Dieses Forschungsvorhaben, das Teil des von der EU finanzierten Marie-Skłodowska-Curie-Doktorandennetzwerks VORTEX ist, liefert Einblicke in Konzeption und Durchführung von Prävention und hat damit theoretische sowie praktische Relevanz.
Im vergangenen Jahrzehnt haben sich wiederholt terroristische Anschläge durch sogenannte einsame Wölfe, ereignet. Die Anschläge durch Anders Breivik in Norwegen und Arid Uka in Deutschland sind dabei nur zwei Beispiele eines zunehmend auftretenden Phänomens. Einsame Wölfe als Täter*innentypus handeln vermeintlich alleine und radikalisieren sich vermeintlich ohne externen Einfluss. Gleichzeitig zeigt die Radikalisierungsforschung jedoch die essenzielle Bedeutung von sozialen Verbindungen in Radikalisierungs- und Mobilisierungsprozessen auf, sodass sich die Frage ergibt, wie sich einsame Wölfe radikalisieren und mobilisieren können, wenn sie entsprechend ihres namensgebendes Merkmals doch einsam sind und entsprechend keine sozialen Verbindungen haben. Bisher liegt zu dieser Fragestellung kaum Forschung vor, die dieser Frage auf theoretischer oder empirischer Basis systematisch nachgeht.
In ihrem Dissertationsprojekt befasst sich Annika von Berg mit der Frage, wie soziale Verbindungen in den Radikalisierungs- und Mobilisierungsverläufen terroristischer Einzeltäter*innen wirken. Als theoretische Grundlage wird zur Beantwortung der Frage ein identitätstheoretisches Modell genutzt, welches schließlich im Rahmen von Fallstudien aus den Phänomenbereichen Rechtsextremismus und islamistischer Extremismus mittels Process Tracing überprüft werden soll.
Innerstaatliche Konflikte
Das Dissertationsvorhaben analysiert am Beispiel der Umsetzung des Friedensabkommens zwischen dem kolumbianischen Staat und der Guerrilla-Organisation FARC die Wirkungen, die die gemeinschaftsbasierte, gesellschaftliche Reinkorporation ehemaliger Guerrilla-Kämpfer auf die Sicherheit sowohl der Ex-Kombattanten selbst als auch der betroffenen lokalen Gemeinschaften hat. Methodisch kombiniert das Projekt Micro-Surveys mit teilstrukturierten Interviews, Fokusgruppe und ethnographischer Feldforschung.
Das Projekt erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Projekt „Der Einfluss der kollektive Reintegration ehemaliger FARC-EP-Kombatanten auf die lokale Wiederherstellung sozialen Zusammenhalts in Kolumbien“.
In den vergangenen zwanzig Jahren haben die Afrikanische Union (AU) und die Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten (ECOWAS) erhebliche Handlungsfähigkeit bei der Gewährleistung von Frieden und Sicherheit auf dem Kontinent bewiesen indem sie politische Ordnungen und Lebenswelten gestalten. In der Interventionsliteratur werden diese afrikanischen Interventionen als kaum oder frei von Zwangsmitteln geprägt dargestellt, was ihnen im Vergleich zu den umstritteneren „westlichen“ Interventionen mehr Legitimität attestiert.
Das Dissertationsprojekt stellt diese Annahme in Frage, indem es argumentiert, dass Interventionen inhärent mit Zwangsmitteln agieren, da sie auf eine normative Krise reagieren und versuchen, Ordnung zu schaffen. Vorläufige Feldforschung legt nahe, dass Zwang mehrdeutiger ist als seine übliche negative Konnotation glauben lässt und dass Wahrnehmungen von Zwang entlang von Parametern wie Raum, Positionalität und Zeit auseinanderfallen. Dabei gibt es einen Kipppunkt zwischen legitimem und illegitimem Zwang, der in der Tat die Legitimität der Intervention und den Versuch der regionalen Ordnungsbildung prägt. Ausgehend von diesen Annahmen stellt dieses Dissertationsprojekt folgende Fragen: Wie viel Zwang wenden afrikanische Interventionen an? Was ist Zwang für wen und unter welchen Umständen? Warum fallen Wahrnehmungen von Zwang auseinander und wie wirkt sich dies auf die regionale Ordnungspolitik aus?
Auf der Grundlage ethnographischer Forschungselemente wie Beobachtung, Immersion, (Nicht-)Eliteninterviews und Fokusgruppenforschung in Gambia und Guinea-Bissau untersucht dieses Dissertationsprojekt (1) die Wahrnehmung von Zwang in diesen beiden Fallstudien, um aufzuzeigen, wie die von den Interventionen Betroffenen den Zwangscharakter der Interventionen wahrnehmen und was für sie Zwang darstellt. In einem Vergleichsdesign zwei ähnlicher Fälle identifiziert dieses Projekt (2) Faktoren, warum diese Wahrnehmungen auseinanderfallen, und (3) wie diese den Anspruch und die Legitimität regionaler Ordnungspolitik beeinflussen.
Können Interventionen in laufende Konflikte Menschenleben retten? Humanitäre militärische Interventionen (HMI) stehen im Mittelpunkt polarisierter Debatten in Politik und Wissenschaft, doch Evidenz für die Auswirkungen solcher Missionen existiert nur sporadisch. Aufbauend auf dem PRIF-Datensatz zu HMIs nutze ich quantitativ vergleichende Methoden, um zu untersuchen, welche Konflikte eher eine HMI anziehen und wie HMIs die Konfliktdynamiken wie Konfliktdauer und -intensität beeinflussen. Durch die Kombination quantitativer Analysen mit detaillierten Fallstudien versuche ich, ein vollständiges Bild der Auswirkungen und Wirkungsweisen von HMIs zu zeichnen und eine kausale Identifikation sicherzustellen. Mit meiner Arbeit beabsichtige ich nicht nur, eine Lücke in der wissenschaftlichen Literatur zu schließen, sondern auch essenzielle Informationen für Entscheidungsträger bereitzustellen und eine fundiertere politische Debatte zu ermöglichen.
Zwischen 2019 und 2021 erlebte Kolumbien einen der bedeutendsten Protestzyklen seiner modernen Geschichte, der von beispielloser staatlicher Repression und Polizeibrutalität geprägt war. Als Reaktion auf nationale und internationale Kritik rechtfertigte die Regierung von Präsident Iván Duque diese Maßnahmen, indem sie die Protestbewegungen kriminalisierte und als Bedrohung für die öffentliche Sicherheit darstellte.
In der Geschichte Lateinamerikas wurden Protestbewegungen oft mit aufständischen Gruppen wie Guerillas oder linken politischen Kräften in Verbindung gebracht. Obwohl diese Erzählung vom „inneren Feind” nach den Friedensabkommen von 2016 an Bedeutung verloren hatte, griff Duque sie wieder auf und formulierte sie neu, indem er Begriffe wie „Vandalen” und „Chaosagenten” einführte. Dieser rhetorische Wandel markierte den Beginn eines urbanen Sicherheitsrahmens, in dem Proteste als organisierte Bedrohungen konstruiert wurden, die eine militarisierte Reaktion erforderten.
Dieses Doktoratsprojekt konzentriert sich auf zwei wichtige Akteure: die Studentenbewegung und La Primera Línea in Bogotá und Cali. Ziel ist es, die Entstehung und Dynamik zwischen den staatlichen Sicherheitskräften und den Demonstrierenden zu verstehen, beispielsweise die Selbstverteidigung und Radikalisierung einiger dieser Akteure als Reaktion auf staatliche Repression. Unter Anwendung der theoretischen Perspektiven der Sicherheitspolitik und der Radikalisierung untersucht die Forschung, wie die anhaltende staatliche Gewalt den politischen Konflikt eskalieren ließ und zu einer neuen Konfrontationsdynamik innerhalb des Protestzyklus führte.
Ziel dieses Projekts ist eine intensive und umfassende Untersuchung der Rolle staatlicher und privater Medien in ethnischen Konflikten in Äthiopien.
Das Projekt konzentriert sich auf zwei Hauptforschungsfragen: Die erste Frage konzentriert sich darauf, wie die Medien die Agenda setzen und ethnische Konflikte rahmen. Gleichzeitig befasst sich die zweite Frage mit den Faktoren, die das Medienverhalten beeinflussen und möglicherweise die Unterschiede zwischen den verschiedenen Medien erklären.
Auf der Grundlage einer umfassenden Studie über Äthiopien wird dieses Projekt die Theoriebildung über die Rolle der Medien in ethnischen Konflikten vorantreiben und originelle empirische Erkenntnisse zu einem wichtigen und aktuellen Fall beisteuern.
Bei der Beantwortung dieser beiden Forschungsfragen zielt das geplante Projekt auch darauf ab, politische Empfehlungen zu erarbeiten, wie die politische Elite die Medien so beeinflussen kann, dass sie zur Förderung des Friedens und nicht zu ethnischen Konflikten beitragen.
Bemühungen um eine sozial-ökologische Transformation in Südosteuropa werden von zwei parallelen und teilweise miteinander verknüpften Entwicklungen im Zusammenhang mit europäischen Politiken und den EU-Beitrittsperspektiven geprägt. Als eine Voraussetzung für den EU-Beitritt gilt einerseits die Abschaffung fossiler Energieträger – insbesondere Kohle – und der Ausbau erneuerbarer Energiequellen. Andererseits stützt sich die sozial-ökologische Transformation innerhalb der EU zunehmend auf sogenannte transition minerals wie das Leichtmetall Lithium. Das Europäische Gesetz über kritische Rohstoffe (European Critical Raw Materials Act, ECRMA) etwa bietet transnationalen Unternehmen wirtschaftliche Anreize zur Entwicklung neuer Bergbauprojekte in der Region. Inländische und internationale Akteure betonen häufig deren hohe Umwelt- und Sozialstandards.
Gleichzeitig wächst jedoch der Widerstand gegen diese Projekte in weiten Teilen des Balkans. Protestbewegungen benennen dysfunktionale und korrupte staatliche Institutionen und einen dementsprechenden Mangel an Transparenz und Rechenschaftspflicht als zentrale Bedrohungen für lokale Landschaften, Lebensgrundlagen und den regionalen sozialen Zusammenhalt. Arbeitskämpfe machen in kohleabhängigen Regionen die Herausforderungen bei der Umsetzung von just-transition-Plänen für die Lohnabhängigen und ihre regionalen Gemeinschaften deutlich. Die Proteste eint die Befürchtung, dass europäische Nachhaltigkeitsagenden demokratische Prozesse im Inland erschweren und der Idee einer just transition widersprechen.
Das Projekt analysiert jene sozio-ökologischen Transformationskonflikte, die aus diesen EU-getriebenen Entwicklungen im post-jugoslawischen Raum entstehen. Als Fallstudien dienen Bosnien-Herzegowina und Serbien. Die Dissertation verfolgt zwei zentrale Ziele: (1) die Rekonstruktion und Kartierung dieser Konflikte „von unten“ , aus der Perspektive der Protestakteure. Die erste Phase umfasst explorative Feldforschung in Bosnien-Herzegowina und Serbien mit Hilfe von Interviews mit lokalen Aktivist*innen, Arbeiter*innen, Gewerkschaften, Mitgliedern von Gemeinschaften und NGOs sowie teilnehmender Beobachtungen an Protestorten und politischen Veranstaltungen. Es soll empirisch erfasst werden, wie sich sozio-ökologische Transformationskonflikte entfalten und entwickeln – im Hinblick auf ihre zentralen Themen, Dynamiken, Akteur*innen und Konstellationen. In der zweiten Phase wird (2) der Fokus auf zwei konkrete Protestorte (jeweils einer pro Fall) gelegt, um deren politisch-ökonomische Strukturen und historische Entwicklungspfade zu analysieren. Im Zentrum steht die Frage, warum bestimmte sozio-ökologische Konflikte in einigen Kontexten entstehen, eskalieren oder andauern – und in anderen nicht. Durch den analytischen Vergleich der beiden Fälle sollen wiederkehrende Konfliktmuster in der Region identifiziert sowie untersucht werden, wie inter- und transnationale Dynamiken – einschließlich der EU-Beitrittsprozesse – diese lokalen Auseinandersetzungen prägen.
Theoretisch stützt sich das Projekt auf die breite Forschung zu sozio-ökologischen Transformationskonflikten sowie regionaler Protestforschung. Gleichzeitig möchte es zu ersterem einen empirisch beitragen, indem es den bisher wenig erforschten Kontext der (westlichen) Balkanstaaten in den Fokus rückt. Die Dissertation ist durch eine materialistische Perspektive informiert, die danach fragt, wie die grüne Transformation der EU die sozialen und arbeitsbezogenen Bedingungen in der Region materiell beeinflusst – und dadurch die Voraussetzungen für Frieden oder Konflikt verändert. Damit kehrt sie die dominante Perspektive auf die EU, den EU-Beitritt und die EU-Konditionalität um: Diese werden nicht nur als normative Rahmenwerke betrachtet, sondern als konkrete Kräfte, die neue Formen von Konflikt und Auseinandersetzung im (westlichen) Balkan hervorbringen.
Insgesamt zielt das Projekt darauf ab, kritisch zu untersuchen, wie von der EU gelenkte Politiken und Bemühungen um die sozio-ökologische Transformation mit lokalen politischen Ökonomien und sozialen Dynamiken interagieren – und so neue Formen von Widerstand, Konflikt und kollektiver Handlungsmacht in Südosteuropa hervorbringen.
Die Interaktion zwischen Drittstaaten und Rebellengruppen ist ein langjähriges Phänomen in den internationalen Beziehungen. In jüngster Zeit hat die Wissenschaft über die Regierungsführung von Rebellen die diplomatischen Aktivitäten nichtstaatlicher bewaffneter Akteure beleuchtet und deren Fähigkeit hervorgehoben, eine wichtige Rolle in internationalen Angelegenheiten zu spielen. In Anbetracht dessen lässt sich argumentieren, dass das Engagement von Drittstaaten mit Rebellengruppen ebenfalls als eine Form der Diplomatie anerkannt werden sollte. Allerdings wurde die Perspektive der Staaten in diesen Interaktionen oft übersehen. Dieses Dissertationsprojekt versucht, diese Lücke zu schließen, indem es Chinas Engagement mit ethnischen bewaffneten Organisationen (EAOs) in Myanmar systematisch untersucht. Das Projekt verfolgt drei Hauptziele: Erstens soll Chinas Engagement mit Rebellengruppen in einem diplomatischen Rahmen konzeptualisiert werden; zweitens soll untersucht werden, wie China bestimmte Akteure einsetzt, um mit EAOs zu interagieren und seine strategischen Interessen voranzutreiben; und drittens soll der offensichtliche Widerspruch zwischen Chinas Prinzip der Nichteinmischung und seinem aktiven Engagement mit EAOs untersucht werden.
Glokale Verflechtungen
In den vergangenen zwanzig Jahren haben die Afrikanische Union (AU) und die Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten (ECOWAS) erhebliche Handlungsfähigkeit bei der Gewährleistung von Frieden und Sicherheit auf dem Kontinent bewiesen indem sie politische Ordnungen und Lebenswelten gestalten. In der Interventionsliteratur werden diese afrikanischen Interventionen als kaum oder frei von Zwangsmitteln geprägt dargestellt, was ihnen im Vergleich zu den umstritteneren „westlichen“ Interventionen mehr Legitimität attestiert.
Das Dissertationsprojekt stellt diese Annahme in Frage, indem es argumentiert, dass Interventionen inhärent mit Zwangsmitteln agieren, da sie auf eine normative Krise reagieren und versuchen, Ordnung zu schaffen. Vorläufige Feldforschung legt nahe, dass Zwang mehrdeutiger ist als seine übliche negative Konnotation glauben lässt und dass Wahrnehmungen von Zwang entlang von Parametern wie Raum, Positionalität und Zeit auseinanderfallen. Dabei gibt es einen Kipppunkt zwischen legitimem und illegitimem Zwang, der in der Tat die Legitimität der Intervention und den Versuch der regionalen Ordnungsbildung prägt. Ausgehend von diesen Annahmen stellt dieses Dissertationsprojekt folgende Fragen: Wie viel Zwang wenden afrikanische Interventionen an? Was ist Zwang für wen und unter welchen Umständen? Warum fallen Wahrnehmungen von Zwang auseinander und wie wirkt sich dies auf die regionale Ordnungspolitik aus?
Auf der Grundlage ethnographischer Forschungselemente wie Beobachtung, Immersion, (Nicht-)Eliteninterviews und Fokusgruppenforschung in Gambia und Guinea-Bissau untersucht dieses Dissertationsprojekt (1) die Wahrnehmung von Zwang in diesen beiden Fallstudien, um aufzuzeigen, wie die von den Interventionen Betroffenen den Zwangscharakter der Interventionen wahrnehmen und was für sie Zwang darstellt. In einem Vergleichsdesign zwei ähnlicher Fälle identifiziert dieses Projekt (2) Faktoren, warum diese Wahrnehmungen auseinanderfallen, und (3) wie diese den Anspruch und die Legitimität regionaler Ordnungspolitik beeinflussen.
Dieses Forschungsvorhaben untersucht institutionelle Formen und konzeptionelle Imaginationen, die von der türkischen Regierung einerseits und türkeistämmigen Einwohner*innen andererseits im Zusammenhang mit ihren politischen Aktivitäten in Deutschland verwendet werden. Während der AKP-Ära war eine generelle Neuorientierung der türkischen Außenpolitik zu beobachten, die sich auch auf das Engagement gegenüber den im Ausland lebenden Türk*innen und ihren Nachkommen auswirkte. Dieses Engagement der Türkei hat sich in verschiedenen Aspekten manifestiert – von dem externen Wahlrecht für ihre Bürger*innen im Ausland bis hin zu einer Politik, die die Institutionalisierung förderte. Gleichzeitig begann die AKP, den Begriff „Diaspora“ zu verwenden, der die identitätsstiftende Bindung an eine Gemeinschaft außerhalb des eigentlichen Wohnortes betont. Im Sinne dieses neuen „diaspora-politischen“ Engagements konnten unter den Türkeistämmigen in Deutschland bestimmte politische Aktivitäten beobachtet werden. Unter anderem betraten pro-AKP/Erdoğan-Organisationen die politische Bühne. Das Projekt untersucht die strategische Positionierung und die politischen Aktivitäten ausgewählter Migranten*innenorganisationen in Deutschland, die einerseits mit Integrationserwartungen in der deutschen Gesellschaft und andererseits mit einer Transnationalisierungs- und Diasporapolitik der türkischen AKP-Regierung konfrontiert sind.
Die Veränderungen des Klimas und der Umwelt verändern in vielen Teilen der Welt massiv landwirtschaftliche Räume: Der Boden verliert an organischer Materie durch Erwärmung zwischen Dürre und Überschwemmungen, Insekten und vor allem Pflanzenschädlinge vermehren sich stärker. Hinzu kommen Erosion und Zerstörung durch direkte Eingriffe in die Natur, wie die extraktive Rohstoffgewinnung oder Monokulturen. Von den betroffenen Menschen werden diese Veränderungen unterschiedlich verstanden und wahrgenommen. Wahrnehmungen von Natur, Land und Klima sind von verschiedenen örtlichen kulturellen Traditionen geprägt, zunehmend aber auch mit Debatten und Umweltorganisationen globaler Dimension verschränkt. Zudem wirken sich die Großprojekte von global agierenden Extraktionsunternehmen konkret vor Ort aus.
Das Dissertationsprojekt untersucht Schnittpunkte dieser mehrachsigen Problematik, indem es exemplarisch Konflikte um Territorien in Kolumbien aufarbeitet. Das Projekt analysiert lokale Antworten auf sehr konkrete globale Umweltprobleme anhand der Positionen und Handlungskontexte von Umweltbewegungen, Bauernorganisationen und lokalen Politikvertretern.
Gegenstand dieses Promotionsprojekts ist der United Nations Declaration on the Rights of Indigenous Peoples Act, ein Gesetz, das vom kanadischen Parlament beschlossen wurde und im Jahr 2021 in Kraft trat. Es sieht vor, dass das kanadische Rechtssystem mit der Deklaration der Rechte indigener Völker (UNDRIP) in Einklang gebracht werden soll, welche bereits im Jahr 2007 von der UN-Vollversammlung beschlossen wurde. Nach ihrer ursprünglich ablehnenden Haltung vollzog die kanadische Regierung einen drastischen Positionswandel, indem zuerst die nachträgliche Zustimmung zu UNDRIP und schließlich deren Verankerung im nationalen Recht folgte. Dieser Prozess ist von großem Interesse, da Kanada der erste Siedlerstaat und nach Kolumbien der zweite Staat überhaupt ist, der diese internationale Norm in nationale Rechts- und Politikstrukturen überführt.
Ein besonderes Augenmerk der Untersuchung liegt darauf, wie sich die Lokalisierung von UNDRIP auf Indigene Frauen und Mädchen auswirkt. Obwohl deren Erfahrungen und spezifische Vulnerabilität bereits vereinzelt Beachtung fand (z. B. in der National Inquiry into Missing and Murdered Indigenous Women and Girls), werden sie von Gesetzgebung und Forschung noch häufig übersehen. Das Projekt zielt darauf ab, zum Verständnis der Wechselwirkungen von gender, postkolonialen Verhältnissen und indigener Selbstbestimmung in der politischen Gestaltung beizutragen.
Dazu wird zunächst der nationale, politische Prozess rekonstruiert, der zur Verabschiedung des UNDRIP Acts in Kanada führte. Des Weiteren werden relevante Akteure, ihre Interessen und die Machtverhältnisse im politischen Aushandlungsprozess sowie der begleitende gesellschaftliche Diskurs analysiert. Durch eine anschließende Untersuchung der Implementierungsprozesse bis zur kanadischen Bundeswahl 2025 werden die im Diskurs getätigten Argumente gegenübergestellt, um die Wechselwirkungen zwischen politischen Entscheidungen, gesellschaftlichen Reaktionen und den fortlaufenden Herausforderungen bei der Umsetzung des UNDRIP Acts nachvollziehen zu können. Die konzeptionellen Grundlagen des Projekts wurden aus postkolonialen sowie feministischen Theorien entwickelt.
Das Promotionsvorhaben nimmt eine vergleichende Analyse der Umstände und Folgen von Interpretationen historischer Gewalt in postkolonialen Beziehungen vor. Es untersucht zu diesem Zweck Repräsentationen, Narrative und politische Aktionen, die den Gräueltaten gelten, die während des Völkermords im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika (1904-8) und während des Majimaji-Kriegs im ehemaligen Deutsch-Ostafrika (1905-7) von den „Schutztruppen“ der deutschen Kolonialregierung begangen wurden. Das Projekt geht der Frage nach, wie und warum sich die Interpretationen dieser Verbrechen in Namibia (sowie den Herero und Nama-Diasporen) und in Tansania unterscheiden und/oder ähneln und welche Rolle dies in der unterschiedlichen lokalen und internationalen Handhabung der historischen Geschehnisse spielt. Darüber hinaus wird untersucht, ob und wie Erzählungen historischer Ereignisse mit unterschiedlichen Formen (oder auch Intensitäten) des zivilgesellschaftlichen und politischen Engagements interessierter Akteure zusammenhängen. In diesem Sinne wird das Projekt zu einem besseren Verständnis der Prozesse beitragen, die an der kollektiven Bedeutungszuschreibung historischer Gewalt beteiligt sind, und auch deren normative und praktische Folgen abschätzen helfen. Darüber hinaus verspricht das Vorhaben einen Beitrag zu leisten zum wachsenden öffentlichen Diskurs darüber, wie mit den während des Kolonialismus begangenen Gräueltaten in postkolonialen Situationen so umgegangen werden kann, dass ein Ausgleich und friedliche Beziehungen entwickelt werden.
Die Vision der Afrikanischen Union (AU) – „An integrated, prosperous and peaceful Africa, driven by its own citizens […]“ – sowie das Leitbild der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) – „From an ECOWAS of States to an ECOWAS of Peoples“ suggerieren inklusive Entwicklungsprozesse und -ziele der beiden Organisationen. Dies wird als die Absicht gewertet, ihre Governance-Prozesse auf die Norm einer „people-centric governance“ auszurichten. Als zentrale Akteure der African Peace and Security Architecture (APSA) können beide Organisationen zu Zwecken der Krisenprävention, des Konfliktmanagements sowie des Wiederaufbaus und der Entwicklung nach Konflikten intervenieren. Wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit militärischen Komponenten afrikanischer Konfliktinterventionen dominieren bisher die Wissensgenerierung über afrikanische Interventionspolitiken. Durch den „local turn“ breitete sich zudem ein Forschungsstrang aus, der liberales Peacebuilding kritisch betrachtet und das Handeln lokaler Akteur*innen in den Vordergrund stellt. Das Dissertationsprojekt zielt auf die Verflechtungen des Lokalen und Internationalen in afrikanischen nicht-militärischen Interventionen ab, indem erarbeitet wird, wie und warum zivilgesellschaftliche Akteur*innen als Partner*innen in Konfliktinterventionen der AU und ECOWAS inkludiert oder exkludiert werden. Mittels praxistheoretischer Ansätze rekonstruiert die Arbeit die Praktiken der Inklusion und Exklusion zivilgesellschaftlichen Akteur*innen anhand der beiden Fallbeispiele Mali und Guinea und trägt dazu bei, die „black box“ afrikanischer nicht-militärischer Interventionspolitiken weiter zu öffnen.
Dies wird zunächst durch leitfadengestützte Interviews mit relevanten Akteur*innen der AU und ECOWAS durch Feldforschungsaufenthalte in Addis Abeba und Abuja gewährleistet und durch die Fallstudien veranschaulicht. In letzteren werden leitfadengestützte Interviews mit zivilen nicht-staatlichen Akteur*innen sowie partizipative Ansätze mit Fokusgruppen durchgeführt. Neben dem Erfahrungswissen über Ein- und Ausschlussmechanismen bei AU- und ECOWAS-Interventionen werden Informationen zur Rekonstruktion der Akteur*innenlandschaft durch soziale Netzwerkanalysen gewonnen und „communities of practice“, die den konzeptuellen Rahmen Arbeit bilden, im Bereich afrikanischer regionaler Konfliktinterventionen identifiziert.
Die Bundesrepublik Deutschland ist durch multiple Krisen und eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung geprägt. Sachsen repräsentiert dabei einen (vermeintlichen) Sonderweg autoritärer Transformation von Gesellschaft, und „Sächsische Demokratie“ galt schon 2012 als Synonym für den schleichenden Verfall demokratischer Werte und Strukturen, illiberale Antworten auf gesellschaftliche Krisen und das Erstarken der extremen Rechten. Zugleich fordert die „Alternative für Deutschland“ (AfD) mit ihren anhaltenden Erfolgen bei Landtags- und Bundestagswahlen das demokratische System insbesondere in Sachsen heraus. Sie bündelt die Stimmenpotentiale für autoritäre Politiken und regressive Krisenbearbeitungen: Die Renationalisierung von Politik, eine rassistische Migrations- und Integrationspolitik, stereotype Geschlechterbilder und ein Eintreten für eine fossile Energie- und Wirtschaftspolitik sind zentrale Bestandteile des Programms der AfD. Gleichermaßen zeigen die anhaltenden Proteste gegen die Corona-Schutzmaßnahmen, dass die populistischen Potentiale für die Anti-System-Politik der AfD längst nicht erschöpft sind.
Das Dissertationsprojekt untersucht die Potentiale einer regressiven politischen Subjektivierung im Alltagsleben von Bewohner*innen einer Großstadt und einer Mittelstadt in Sachsen. Mit Blick auf die Ursachen für das Erstarken der AfD sowie umfassendere Transformationen des Alltagslebens wird multimethodisch und raumsensible erforscht, wie Bewohner*innen die Veränderungen ihrer Umwelt wahrnehmen und welche Potentiale für demokratische Interventionen vorhanden sind.