Abgeschlossene Promotionen am PRIF
Salafistische Radikalisierung ist längst nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in Politik und Wissenschaft zu einem heiß diskutierten Thema geworden. Spätestens dann, wenn Radikalisierungsprozesse in Gewalt münden, wird der Salafismus sicherheitspolitisch und gesellschaftlich relevant. Doch oft vermischen sich die Grenzen zwischen Gewaltablehnung und Gewaltlegitimierung. Genau diese dünne Linie ist es, die salafistische Radikalisierung – sowie andere religiöse und politische Radikalisierungsformen – per se zu einem Sicherheitsproblem werden lässt.
Die Konsequenz ist, dass sich sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft ein immer engeres Verständnis von Radikalisierung etabliert hat, das die Gewalt als logischen Endpunkt des Radikalisierungsprozesses versteht. Doch die Empirie zeigt, dass salafistische Gruppen durchaus auch gewaltfreie Radikalisierungspfade aufweisen. Um ein ausgeprägtes Verständnis von Radikalisierung zu erlangen, müssen daher auch gewaltfreie Radikalisierungsprozesse in den Fokus genommen werden.
Im Dissertationsvorhaben untersucht Hande Abay Gaspar, welche sozialen und politischen Gelegenheitsstrukturen gewaltvolle Radikalisierung begünstigen bzw. abbremsen können und welche Mechanismen dabei ausgelöst werden. Ziel ist es, mithilfe einer Kausalprozessanalyse den Radikalisierungsprozess gewaltvoller und gewaltfreier salafistischer Akteure auf Gruppenebene zu rekonstruieren und dabei Bedingungsfaktoren zu identifizieren, die möglicherweise gewaltbegünstigend oder gewalthemmend wirken können.
In westlichen Diskursen wird der Heterogenität des Islam und der schiitischen Geistlichkeit im Iran wenig Rechnung getragen. Stattdessen geht man davon aus, dass die iranische Schia ein Hindernis für die Moderne darstellt.
Es ist wenig darüber bekannt, was religiös-politische Akteure im Iran unter Islam, Moderne, Modernisierung oder Demokratisierung verstehen und wie weit ihre religiös-politischen Beiträge einen gewaltarmen Wechsel zur Demokratie ermöglichen oder verhindern.
In diesem Projekt wurden die inneriranischen Diskurse sowohl der Fürsprecher politischer Reformen als auch deren Gegner analysiert, um so die Hindernisse für die Demokratisierung aufzuzeigen.
Es wurde herausgearbeitet, dass es innerhalb der iranischen Gesellschaft eine starke Gruppe reformorientierter Kleriker und religiöser Intellektueller gibt, die der Religion einen eigenen autonomen Platz zuweisen möchten, die Bevormundung durch religiöse Autoritäten ablehnt und für eine Restrukturierung der staatlichen Institutionen auf der Basis von Vernunft eintritt.
Publikationen
- Religiöse Wissensgenerierung und Modernisierung:
| 2010
Akbari, Semiramis (2010): Religiöse Wissensgenerierung und Modernisierung:. Wandel religiös-politischer Deutungsmuster im politischen Diskurs der Schia und Verschiebungen der inneren Machtbalance im postrevolutionären Iran, Studien der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung.
Das Dissertationsprojekt von Carolin Anthes beschäftigt sich mit der umstrittenen UN-Initiative zum Mainstreaming von Menschenrechten und erforscht, wie diese von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO), einer Sonderorganisation, die sich dem Kampf gegen weltweiten Hunger und Mangelernährung verpflichtet sieht, aufgenommen wurde.
Basierend auf eigener Arbeitserfahrung im Right to Food Team der FAO und intensiver Feldforschung bei UN-Organisationen in Genf und Rom, analysiert das Projekt multi-dimensionale institutionelle Hürden, die dem systematischen Mainstreaming des Rechts auf Nahrung in der Organisation im Wege stehen. Das Projekt nimmt sich einer Lücke in der eingehenden Erforschung von UN-Organisationen und deren Menschenrechtspraktiken „von innen“ an, insbesondere der FAO, der größten, aber in der Forschung bislang vernachlässigten UN-Sonderorganisation. Es leistet so einen Beitrag zum weiteren Aufbrechen, zur Analyse und theoretischen Einordnung von internationalen Organisationen und ihren institutionellen und organisationskulturellen Dynamiken im Rahmen (und jenseits) der Disziplin der Internationalen Beziehungen.
Das Dissertationsprojekt konzentriert sich auf die normative Dimension des ordnungspolitischen Konflikts zwischen Russland und dem Westen und setzt sich kritisch mit der konstruktivistischen Normenforschung auseinander.
Untersucht werden die unterschiedlichen Verhaltensmuster, die Russland im Prozess der Vereinheitlichung, Kontestation und Revision internationaler demokratischer Normen zwischen 2000 und 2012 demonstriert hat. Im Zentrum des Forschungsprojekts stehen die bisher kaum erforschten Diskrepanzen innerhalb und zwischen russischer normativer Rhetorik und politischer Praxis im Bereich politischer Freiheiten und Bürgerrechtsnormen.
Drei Fallstudien untersuchen russische Rhetorik und politische Praxis in Bezug auf
(1) die Norm der internationalen Wahlbeobachtung,
(2) die sogenannte „pro-NGO Norm“ und die damit verbundene staatliche Regulierung zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie
(3) Versammlungsfreiheit und Demonstrationsrecht.
In jedem Fall werden die staatliche diskursive Verarbeitung der Normen sowie die politische Praxis der Einhaltung und Nichteinhaltung untersucht und der Einfluss verschiedener Faktoren auf die Normenanerkennungs- und Normeneinhaltungsdynamiken analysiert.
Obwohl sich das Projekt empirisch auf die Russische Föderation konzentriert, tragen die gewonnenen Ergebnisse und Erkenntnisse zu den breiteren theoretischen Debatten über normativen Revisionismus, Normenkontestation und die Entkoppelung der staatlichen Menschenrechtsrhetorik von der Menschenrechtspraxis bei.
Publikationen
- Norm-Taking, Norm-Faking, And Norm-Making: Russia And The International Election Observation Norm
| 2017
Bakalova, Evgeniya (2017): Norm-Taking, Norm-Faking, And Norm-Making: Russia And The International Election Observation Norm, PRIF Working Paper, 39, Frankfurt/M.
Förderer
Die globale nukleare Ordnung und ihr Herzstück, der Nukleare Nichtverbreitungsvertrag (NVV), befinden sich in einer Krise. Insbesondere die 2017 erfolgte Verhandlung des Vertrags über das Verbot von Kernwaffen (TPNW) hat die etablierte nukleare Ordnung schwer erschüttert. Der neue Vertrag hat die Risse innerhalb der internationalen Nukleararchitektur ans Licht gebracht, insbesondere die wachsende Spaltung zwischen nuklearen „Haves“ und „Have-Nots“. So ist es nicht verwunderlich, dass die Stimmung gegenüber dem Vertrag gespalten ist: Während Befürworter*innen ihn als außergewöhnliche Initiative sehen, die die Abrüstung vorantreibt, betrachten Gegner*innen ihn als Bedrohung für die bestehende nukleare Ordnung. Beide Seiten stimmen jedoch in ihrer Diagnose überein, was die Ursprünge der durch den TPNW aufgedeckten Anfechtung der nuklearen Ordnung betrifft: Sie wird zumeist als direkte Folge unzureichender Abrüstungsschritte, als natürliche Konsequenz der hierarchischen Struktur des NVV oder als zielgerichteter Akt von Norm-Entrepreneurship gedeutet. Dabei werden jedoch die Vielzahl und das Zusammenspiel von Einflussfaktoren, die für die Anfechtung des NVV konstitutiv sind, übersehen.
Das Dissertationsprojekt wirft einen genaueren Blick auf die Kontestationsprozesse, die die Entstehung des TPNWs ausgelöst und gefördert haben und die politischen Auseinandersetzungen in und um den NVV seither begleiten. Dazu greift die Dissertation auf Forschung zu Normenanfechtung und Radikalisierung zurück, um den tatsächlichen Prozess der Anfechtung, der zum TPNW führte, besser zu verstehen. Indem (prozessual) nachgezeichnet wird, wie sich die Positionierungen der Staaten zum TPNW entwickelt haben, möchte die Dissertation darlegen, wie die Anfechtung innerhalb des NVV als Quelle und Verstärker von Radikalisierungsprozessen diente, die sich besonders in der Polarisierung der nuklearen Ordnung widerspiegeln, wie wir sie gerade beobachten. Denn hinter den Auseinandersetzungen um den NVV und den TPNW stehen nicht nur prozedurale oder technische Fragen, z.B. wie nukleare Abrüstung vorangebracht werden kann. Vielmehr ging es bei der Aushandlung des TPNW auch um Fragen der Interpretation der grundlegenden Normen, die der normativen nuklearen Ordnung zugrunde liegen, und um die Machtverhältnisse, die durch den NVV reproduziert und legitimiert werden. Durch diese Perspektive beleuchtet der Artikel die komplexe Natur der Anfechtung innerhalb des NVV, die weder auf die Befürworter*innen noch auf die Gegner*innen des Atomwaffenverbots beschränkt ist.
Der Staat Israel, in einer häufig zitierten Wendung als „die einzige Demokratie im Nahen Osten“ bezeichnet, erzielt regelmäßig hohe Werte auf den politikwissenschaftlichen Demokratie-Indizes. Von einer solch stabilen Demokratie würde die Theorie des demokratischen Friedens erwarten, dass sie friedliche Mittel der Konfliktbeilegung gegenüber dem Einsatz von Gewalt bevorzugt. Jedoch zeigt die Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts, dass Israel zur gewaltsamen Eskalation der Auseinandersetzung seinen Teil beigetragen hat; und nicht zuletzt stellt die Besatzung der palästinensischen Gebiete eines der zentralen Hindernisse für einen Frieden in Nahost dar. Das Dissertationsprojekt fragt danach, welche Kräfte innerhalb der israelischen Gesellschaft gegen den Friedensprozess wirken – und identifiziert die nationalistische Religion als ein identitäts- und wertestiftendes Orientierungsmuster, welches mit den liberal-säkularen Präferenzen konkurriert, wie sie dem demokratischen Frieden zu Grunde liegen. Die Theorien des demokratischen Friedens, die der Tradition der Aufklärung und des Liberalismus entstammen, haben hinsichtlich der politischen Wirkung von Religion jedoch einen „blinden Fleck“, weil sie die über Jahrzehnte in den Sozialwissenschaften vorherrschende Säkularisierungstheorie unhinterfragt in ihr Theoriegerüst übernommen haben. Doch entgegen der Erwartung, dass die Religion im Zuge weltweiter Modernisierungsprozesse in die Bedeutungslosigkeit versinken werde, erleben religiöse Bewegungen und Gruppen gegenwärtig weltweit eine Renaissance. Besondere Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf die sogenannten „fundamentalistischen“ Akteure, die zunehmend als Bedrohung liberal-demokratischer Werte empfunden werden. In Israel gab es neben der säkularen zionistischen Ideologie von Beginn an auch eine religiöse Deutung des nationalen Projekts. Doch erst nach der Eroberung „biblischer Landschaften“ im Juni-Krieg von 1967 wandelte sich der religiöse Zionismus zu einer messianischen Ideologie, die Konzessionen in der territorialen Frage auf Grund ihrer Interpretation der jüdischen Religion rundweg ablehnte. Auch wenn Religion nicht ursächlich für den Konflikt verantwortlich ist, so gelingt es den national-religiösen Gruppen in der fragmentierten israelischen Gesellschaft dennoch, erheblichen Einfluss auf das Konfliktverhalten des Staates Israel zunehmen.
Publikationen
- Demokratie und Gewalt im Heiligen Land
| 2008
Baumgart-Ochse, Claudia (2008): Demokratie und Gewalt im Heiligen Land. Politisierte Religion in Israel und das Scheitern des Osloer Friedensprozesses, Studien der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Band 2.
ISBN: 978-3-8329-3742-3 - Religiöser Zionismus und der israelisch-palästinensische Konflikt
| 2006
Baumgart-Ochse, Claudia (2006): Religiöser Zionismus und der israelisch-palästinensische Konflikt, in: Tanja Rother; Christiane Fröhlich (eds), Zum Verhältnis von Religion und Politik im Nahostkonflikt (Texte und Materialien Reihe A), Heidelberg: Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V. (FEST), 137–158. - Religious Zionism and Israel Foreign Policy
| 2006
Baumgart-Ochse, Claudia (2006): Religious Zionism and Israel Foreign Policy, Cornell Occasional Paper, 30: 1. - Israel vor der Zerreißprobe?
| 2005
Baumgart-Ochse, Claudia (2005): Israel vor der Zerreißprobe?. Die Siedler und der geplante Abzug aus Gaza, in: Ulrich Ratsch; Reinhard Mutz; Bruno Schoch; Corinna Hauswedell; Christoph Weller (eds), Friedensgutachten 2005, Münster: LIT Verlag, 53–59. - Eitler Traum oder erreichbares Ziel?
| 2004
Baumgart-Ochse, Claudia; Müller, Harald (2004): Eitler Traum oder erreichbares Ziel?. Die Idee einer kernwaffenfreien Zone im Nahen Osten, HSFK-Report, Nr. 10. Download - Demokratie im Ausnahmezustand
| 2003
Baumgart-Ochse, Claudia (2003): Demokratie im Ausnahmezustand. Israel nach den Wahlen, HSFK-Standpunkt, Nr. 2. Download
In ihrem Dissertationsprojekt betrachtet Ann-Kristin Beinlich religiöse Nichtregierungsorganisationen (RNGOs), die im Bereich der bei den Vereinten Nationen verhandelten Reproduktionsrechte aktiv sind.
Ziel der Forschung ist es, die möglichen Handlungsorientierungen der RNGOs herauszustellen, um die allgemeine Wahrnehmung zu korrigieren, die zwischen religiösen Akteuren und anderen, als säkular empfundenen NGOs besteht. Hierfür untersucht sie exemplarisch zunächst katholische NGOs, um schließlich NGOs weiterer religiöser Traditionen und Konfessionen in die Analyse einzubeziehen. Zentrale Fragen dieser Dissertation sind, inwieweit und warum religiöse zivilgesellschaftliche Akteure einer Tradition in demselben Politikfeld unterschiedliche Positionen beziehen.
Die Terroranschläge vom 11. September 2001 zogen eine militärische Intervention der USA und ihrer Verbündeten in den afghanischen Bürgerkrieg nach sich, die sich zunächst zu einem UN-mandatierten und von der NATO militärisch gestützten Staatsaufbauprojekt und schließlich zu einer Aufstandsbekämpfungsmission unter Führung der USA ausweitete.
Das Dissertationsprojekt fragte nach den Bestimmungsfaktoren für die westlich geführte Militärintervention mit einem Schwerpunkt auf der Rolle der USA und Deutschlands, nach den Zielverschiebungen und Auswirkungen des internationalen Einsatzes seit 2001, sowie nach Folgeszenarien nach dem Abzug der International Security Assistance Force (ISAF) ab 2014. Während die Gründe der deutschen Interventionsbeteiligung in historisch-evaluativer Forschung herausgearbeitet wurden, beinhaltete das Projekt auch das Ausarbeiten aktueller Herausforderungen und Handlungsoptionen im Hinblick auf die Deeskalation des Afghanistankonflikts in seiner innerstaatlichen wie regionalen Dimension. Daher verbinden sich Fragestellungen klassischer Außenpolitik-Analyse mit jener der Analyse internationalisierter Bürgerkriege sowie der Erforschung der Charakteristika komplexer, vernetzter Konfliktkontexte am Beispiel von Afghanistan und Zentralasien.
Clara Braungarts Dissertationsprojekt behandelte die Arbeit von religiösen NGOs in der Aufarbeitung von Konflikten in Postkonfliktsituationen.
Die Dissertation untersuchte, inwiefern sich die Positionierung der Organisationen auf der internationalen Ebene (Internationaler Strafgerichtshof) von ihrer Positionierung auf nationaler und lokaler Ebene in den Postkonfliktsituationen Kenias und Ugandas unterscheiden. Dabei ging es insbesondere um die Frage, ob religiöse NGOs sich eher für Versöhnungsmechanismen oder für internationale Strafjustiz einsetzen.
Das Dissertationsprojekt von Ben Christian geht der Frage nach, wie internationale Organisationen (IOs) mit der internen Kritik ihrer Mitarbeiter*innen umgehen. Ausgangspunkt des Projekts ist die Beobachtung, dass IOs mit Blick auf „Kritik von innen“ vor einem Dilemma stehen: Einerseits ist interne Kritik eine wichtige Ressource für organisationale Lernprozesse, die es IOs ermöglicht, aus Fehlern zu lernen und sich stetig weiterzuentwickeln. Anderseits ist interne Kritik jedoch auch eine Gefahr sowohl für die externe Reputation als auch für die interne Stabilität von IOs, da sie die oftmals vorhandenen (und zum Teil notwendigen) Diskrepanzen zwischen formulierten Zielen und konkreter Praxis aufdecken kann. Wie gehen IOs mit dieser Ambivalenz interner Kritik um? In welchen Situationen wird interne Kritik gefördert, wann wird sie unterdrückt? Und: Wie könnte ein konstruktiver Umgang mit „Kritik von innen“ in IOs aussehen? Eine explorative Fallstudie zum organisationalen Lernen im UN-Sekretariat dient als empirische Grundlage für die Auseinandersetzung mit diesen und weiteren Fragen. Organisationssoziologie, Praxistheorie sowie Arbeiten zur „Soziologie der Kritik“ bilden den theoretischen Rahmen für die Analyse.
Durch die aktuellen politischen Umbrüche in der arabischen Region rückten islamistische Bewegungen ins Rampenlicht, obwohl sie auch vor dem Aufkommen des so genannten „Arabischen Frühlings“ ein fester Bestandteil der politischen Realitäten in arabischen Ländern waren. Ihr zunehmender politischer Einfluss löste eine kontroverse Debatte über ihre politische Rolle und Charakteristika aus.
Diese Debatte berührt den Kern einer zentralen akademischen Debatte zwischen so genannten „Essentialisten“ und „Kontextualisten“. Während Erstere die politischen Positionen islamistischer Bewegungen in erster Linie mit ihren (starren) religiösen Überzeugungen erklären, betonen „Kontextualisten“ die Bedeutung des politischen und gesellschaftlichen Kontextes für die Überzeugungen islamistischer Bewegungen. Davon ausgehend, dass weder eine reine essentialistische noch eine kontexualisitische Perspektive islamistische Positionen ausreichend erklären kann, fragte das Forschungsprojekt, inwiefern islamistische Bewegungen ihre Vorstellungen einer gerechten politischen und gesellschaftlichen Ordnung an sich verändernde politische Kontexte anpassen.
Das Projekt analysierte vergleichend zwei Parteien mit vergleichbaren „Islamischen Frames“, die ihre gesellschaftlichen und politischen Ziele aber in sehr unterschiedlichen Kontexten verfolgten: die jordanische Islamic Action Front (Untersuchungszeitraum 1989-2011) und die tunesische An-Nahdha-Partei (Untersuchungszeitraum 1981-2011). Während die jordanische islamistische Partei von der semi-autokratischen Regierung selektiv in politische Prozesse eingebunden war, wurde die An-Nahdha bis zum Sturz Ben Alis repressiv aus politischen Prozessen ausgeschlossen.
Zur Buchveröffentlichung im Nomos Verlag
Publikationen
- Islamisten im Wandel
| 2014
El Ouazghari, Karima (2014): Islamisten im Wandel. Die Islamic Action Front in Jordanien und die An-Nahdha in Tunesien in sich verändernden Kontexten, Studien der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. - An-Nahdha im Wandel.
| 2012
El Ouazghari, Karima (2012): An-Nahdha im Wandel.. Eine islamistische Bewegung im Kontext sich verändernder Opportunitätsstrukturen in Tunesien, PRIF Working Paper, No.14. - Die arabische Region im Umbruch
| 2011
El Ouazghari, Karima (2011): Die arabische Region im Umbruch. Zur Rolle islamistischer Oppositionsbewegungen in Jordanien, Ägypten und Tunesien, HSFK-Standpunkt.
Aktuelle technologische Entwicklungen im Bereich Künstlicher Intelligenz, Automatisierung und Autonomie spielen besonders im zivilen Bereich eine immer wichtigere Rolle, seien es autonomes Fahren oder die Gesichtserkennung des neuesten Smartphones. Gleichzeitig werden diese technologischen Innovationen auch für militärische Anwendungen immer bedeutsamer und diffundieren aus dem zivilen in den militärischen Bereich. Eine der am intensivsten diskutierten Entwicklungen findet derzeit im Bereich autonomer Waffensysteme statt. Dass diese – in ihrer Konzeption noch nicht existierenden Waffensysteme – so stark auf der internationalen Agenda vertreten sind und, im Gegensatz zu vielen anderen Waffentechnologien, bereits internationale Rüstungskontrollgespräche stattfinden, ist nicht selbstverständlich. Dennoch kommen die Gespräche über eine Regulierung autonomer Waffensysteme nur stockend voran und ein, wie von NGOs geforderter, Verbotsvertrag liegt in weiter Ferne.
Dieses Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit der Frage, wie Wissen über technologische Entwicklungen überhaupt generiert wird und welche Rolle dieses Wissen und Expertise in Rüstungskontrollprozessen von autonomen Waffensystemen spielt. Das Projekt setzt dabei an der essentiellen Überlegung an, wie Prozesse von Rüstungskontrolle eigentlich im Inneren funktionieren. Auf der einen Seite wird Rüstungskontrolle nicht mehr nur von Staaten gelenkt – Expert*innen, NGOs und zivilgesellschaftliche Akteure, die Privatwirtschaft und viele diverse andere mehr haben Einfluss auf diese Prozesse. Auf der anderen Seite ist die Generierung von Wissen über Technologien, aber auch über potentielle Auswirkungen und die Möglichkeiten der Regulierung nicht mehr nur explizit einer Gruppe von Expert*innen vorenthalten. Viele Bedeutungszuschreibungen, Interpretationen und Wissensstände konkurrieren miteinander. Diese lassen sich in ‚socio-technical imaginaries‘ wiederfinden. Dabei ist es wichtig, herauszufinden, wie die Praktiken von Wissensherstellung und –autorisierung funktionieren und wie diese Rüstungskontrolle ‚machen‘/gestalten. Das Dissertationsprojekt zielt darauf ab, diese Prozesse im Rahmen der Debatte um autonome Waffensysteme zu analysieren und zum Verständnis von Rüstungskontrolle beizutragen.
In seinem Dissertationsprojekt untersucht Marco Fey die Gründe für den Wandel in der amerikanischen Raketenabwehrpolitik der letzten zwanzig Jahre. Raketenabwehr galt seit Reagans Präsidentschaft als konstitutives Element in den politischen Identitäten beider Parteien: die Republikaner waren geschlossen für einen nationalen Raketenabwehrschirm, die Demokraten vehement dagegen. Umso überraschender erscheint es daher, dass die Demokraten den Widerstand gegen das Vorhaben im Verlauf der letzten zwanzig Jahre aufgegeben haben. Materialistische, geopolitische und domestic politics-Ansätze liefern hierzu keine ausreichende Erklärung.
Die Demokratisierung zählt zu den Standardtherapien, die in Nachbürgerkriegsgesellschaften einen dauerhaften Frieden schaffen sollen. Das Dissertationsprojekt legte am Beispiel Bosnien und Herzegowina die Stärken dieser Friedensstrategie offen, stellte allerdings auch heraus, wie die Demokratisierung sich selbst und den innerstaatlichen Frieden gefährdet. Diese Gefahren entstehen nicht nur durch den Übergang zu einem demokratischen System, sondern wohnen auch dem Wesen der Demokratie inne. Etablierte Demokratie können die Gefahren aus demokratischen Freiheiten oder aus dem demokratischen Wettbewerb zumeist bannen. Nachbürgerkriegsgesellschaften aber setzen deren destruktives Potenzial leichter frei. Abgewogen gegen andere Konzepte erweist sich der Aufbau einer Demokratie als die schlechteste Option – abgesehen von allen anderen.
Aus dem Dissertationsprojekt ging das breiter angelegte ebenfalls abgeschlossene Projekt „Der Beitrag von extern induzierter Demokratisierung zur Friedenskonsolidierung in Nachkriegsgesellschaften“ hervor. Zudem knüpfte das Projekt „Ohne Staat und Nation ist keine Demokratie zu machen. Die Demokratisierung von Nachbürgerkriegsgesellschaften“ an die Dissertation an.
Zur Buchveröffentlichung im Campus Verlag
Publikationen
- Demokratisierung nach Bürgerkriegen
| 2007
Gromes, Thorsten (2007): Demokratisierung nach Bürgerkriegen. Das Beispiel Bosnien und Herzegowina, Studien der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Frankfurt/M.: Campus.
Das Forschungsvorhaben untersucht die Verschränkung von Nuklear- und Geopolitik im Sinne einer Verankerung von Herrschaftsstrukturen in der Nuklearordnung sowie den Widerstand dagegen. Als zentraler völkerrechtlicher Rahmen für diese Herrschaftsstrukturen wird der Nukleare Nichtverbreitungsvertrag (NVV) betrachtet. Die Auseinandersetzung mit dem Widerstand gegen die Ordnung konzentriert sich auf den Vertrag zum Verbot von Nuklearwaffen (VVN). Da sich insbesondere Staaten aus dem globalen Süden daran beteiligten, liegt ein Fokus auf mögliche anti-koloniale Motivationen. Auch die klare Hierarchie der Nuklearordnung spricht für eine Herrschaftsanalyse aus kritischer, postkolonialer Perspektive und Schwerpunktlegung auf die Sicht der Akteure des Widerstandes.
Kennzeichnend für Herrschaft ist für diese Arbeit die Herausbildung einer Hierarchie qualitativ unterschiedlicher Handlungsspielräume und Einflusssphären in einem gegebenen sozialen Kontext. Dieses Verständnis eignet sich für die Anwendung im internationalen Kontext und trägt dem Forschungsinteresse am Widerstand Rechnung.
Zur Erörterung der Wesenszüge der Herrschaftsstrukturen wird auf kritische bzw. postkoloniale Analysetools zurückgegriffen. Die Arbeit entwickelt auf dieser Grundlage sechs Komponenten kolonialer Prägung, denen nachgegangen werden soll. Neben den Vertragswerken, ihrer Normenstruktur und Normengenese, dienen als Datengrundlage qualitative Interviews. Dabei sollen insbesondere die Wahrnehmung und Bewertung der Akteure des Widerstandes in die Analyse eingehen.
Die Dissertation ist unter dem Titel „„Rule & Resistance in the Nuclear Order“ im transcript-Verlag erschienen und steht dank Unterstützung durch den Publikationsfonds des PRIF und der Leibniz-Gemeinschaft open access zur Verfügung.
Das Dissertationsprojekt von Gregor Hofmann widmete sich den normativen Grundlagen, auf die Staaten sich in ihrer Auseinandersetzung über die Anerkennung einer internationalen Schutzverantwortung (Responsibility to Protect) beziehen. Sein Schwerpunkt lag dabei auf der Untersuchung der Konflikte zwischen verschiedenen politikfeldübergreifenden Metanormen auf internationaler Ebene und insbesondere darauf, welche dieser Metanormen aus Sicht der Staaten die Entwicklung und Anwendung spezifischerer Normen regulieren und informieren sollen. Die Arbeit knüpfte damit an aktuelle Thoeriedebatten zur Kontestation internationaler Normen und zum Verhältnis von Gerechtigkeit und Ordnung in der Staatengesellschaft an.
Una Becker-Jakob untersuchte in ihrer Dissertation das Phänomen, dass sich manche Staaten über Jahrzehnte kontinuierlich und bisweilen proaktiv für die Stärkung und den Aufbau multilateraler kooperativer Rüstungskontrolle einsetzen. Als Fallbeispiele dienten die Aktivitäten Irlands und Kanadas in der nuklearen Abrüstung und Nichtverbreitung, in der Biowaffenkontrolle und zum Verbot von Anti-Personenminen. In Längsschnittstudien der internationalen Aktivitäten sowie über Prozessanalysen der innenpolitischen Entscheidungsprozesse und qualitative Inhaltsanalysen der zugehörigen Diskurse ging sie der Frage nach, inwieweit ein sozialpsychologisch-sozialkonstruktivistisches Konzept staatlicher Identität für das Verständnis der proaktiven Politik herangezogen werden kann.
Die aggregierten Ergebnisse der Inhalts- und Prozessanalysen ergaben, dass die jeweilige staatliche Identität in der Tat plausibel die Ausrichtung der untersuchten Politik einschließlich festgestellter Inkonsistenzen begründen kann. Als tragfähiges analytisches Konstrukt der konstruktivistischen Außenpolitikanalyse kann staatliche Identität demnach vor allem dann dienen, wenn die bürokratische Kultur auf der Arbeitsebene der Außenministerien als Trägerin und Wirkmechanismus der Identität für die Politik in das Konzept integriert wird.
Der Libanon, einst Musterbeispiel und Hoffnungsträger einer möglichen Konfliktlösung für so genannte heterogene Staaten, wird trotz seiner konfessionellen Machtteilung von immer wieder aufflammenden inneren Konflikten erschüttert. Dabei geht die Theorie von der Konkordanzdemokratie eigentlich davon aus, dass eine Machtteilung zwischen gesellschaftlichen Segmenten ein friedliches Zusammenleben in Staaten mit einer heterogenen Gesellschaftsstruktur ermöglicht. Sind die Konfessionen also wirklich die richtigen Segmente in der libanesischen Konkordanzdemokratie?
Das abgeschlossene Dissertationsvorhaben untersuchte, wie die konfessionelle Machtteilung immer weiter im politischen System verankert wurde und seit 1990 sogar die Verfassungsstruktur prägt. Darauf aufbauend fragte es nach dem Zusammenhang zwischen der Verfassungsurkunde und dem Bürgerkrieg von 1975-1990 und den Chancen für einen gewaltfreien Konfliktaustrag durch die Verfassungsänderung von 1990.
Die Ergebnisse der Untersuchung „Verfassung im Kraftfeld von Krieg und Frieden“ wurden 2009 in der HSFK-Studienreihe im Nomos-Verlag (siehe unten) veröffentlicht. Die Studie wurde zugleich als juristische Dissertation an der Universität Gießen eingereicht. Cordelia Koch hat sie als Stipendiatin der HSFK (2001-2004) sowie des Orient-Instituts der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (2004-2005) erarbeitet. Von März 2003 bis Juni 2005 lebte und forschte sie in Beirut.
Publikationen
- Verfassung im Kraftfeld von Krieg und Frieden
| 2009
Koch, Cordelia (2009): Verfassung im Kraftfeld von Krieg und Frieden. Von der konkurrenz- zur konkordanzdemokratischen Verfassung im Libanon, Studien der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung.
ISBN: 978-3-8329-3646-4
Das Dissertationsprojekt von Max Lesch setzt sich mit dem Zusammenhang zwischen Devianz und der Entwicklung internationaler Normen auseinander.
Wie wirken sich Normbrüche auf die Entwicklung des internationalen Folterverbots seit dem Zweiten Weltkrieg aus? Die Normforschung in den Internationale Beziehungen sowie die Völkerrechtswissenschaft sind zu unterschiedlichen, teilweise widerstreitenden, Antworten auf diese Frage gekommen, die sich zwischen einerseits eher produktiven und andererseits eher destruktiven Bewertungen der Auswirkungen von Devianz verorten lassen. Dieses Projekt argumentiert, dass dies oft entweder auf einen zu engen Fokus auf einzelne Fälle von Normverletzungen oder auf die zugrundeliegenden Konzepte von Normen und Recht selbst zurückzuführen ist, die zur Bewertung von Normen zu stark auf Normkonformität oder Regelmäßigkeit in der sozialen Praxis abheben. Da das Folterverbot einen Eckpfeiler des internationalen Menschenrechtsregimes als Ganzes bildet, das in der Tat aktuell mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert ist, ist ein besseres Verständnis des Zusammenhangs von Normen, Recht und Devianz entscheidend, um das Folterverbot krisenfest zu machen. Die Dissertation kombiniert einen konstruktivistischen Ansatz zur Devianz mit einer langfristigen, zeitgeschichtlichen Perspektive auf die Normentwicklung, um die Auswirkungen von Devianz auf das Folterverbot in vier Episoden nachzuvollziehen: Folter in den Kolonialkriegen der 1950er und 1960er Jahren, Folter in Chile und Nordirland in den 1970er Jahren, Folter in Israel in den 1990er Jahren und Folter in und durch die USA in den frühen 2000er Jahre. Ziel der Dissertation ist es zu rekonstruieren, wie Staaten und internationale Institutionen Devianz vom Folterverbot konstruieren, wie Staaten auf Zuweisungen von Devianz reagieren, wie dies wiederum die Normentwicklung auf einer formaleren Ebene beeinflusst und wie sich die Debatten über Devianz zeitlich unterscheiden.
Publikationen
- Contested Facts: The Politics and Practice of International Fact-Finding Mission
| 2023
Lesch, Max (2023): Contested Facts: The Politics and Practice of International Fact-Finding Mission, International Studies Review, 25: 3, 1–27. DOI: 10.1093/isr/viad034 - From Norm Violations to Norm Development: Deviance, International Institutions, and the Torture Prohibition.
| 2023
Lesch, Max (2023): From Norm Violations to Norm Development: Deviance, International Institutions, and the Torture Prohibition., International Studies Quarterly, 67: 3, 1–14. DOI: 10.1093/isq/sqad043 - Informal Human Rights Law-Making: How Treaty Bodies Use ‘General Comments’ to Develop International Law
| 2023
Lesch, Max; Reiners, Nina (2023): Informal Human Rights Law-Making: How Treaty Bodies Use ‘General Comments’ to Develop International Law, Global Constitutionalism, 12: 2, 378–401. DOI: 10.1017/S2045381723000023 - Devianz als Vermittlung zwischen Fakt und Norm
| 2022
Lesch, Max (2022): Devianz als Vermittlung zwischen Fakt und Norm. Epistemische Praktiken und fact-finding internationaler Organisationen, Zeitschrift diskurs, 2022: 8, 12–26.
Zur Publikation
Auch mehr als 40 Jahre nach der Unabhängigkeit scheint Mosambik von politischer Stabilität und Frieden weit entfernt. Der Jahrzehnte währende Bürgerkrieg wurde 1992 beendet, jedoch kam es seit 2012 erneut zu bewaffneten Auseinandersetzungen in dem postkolonialen Land. Auf lokaler Ebene führen Großprojekte internationaler Firmen vor allem im Norden des Landes zu neuen sozialen Konflikten und vereinzelten Terroranschlägen. Daneben besteht die Spaltung des Landes in den von der ehemaligen Befreiungsarmee Frente de Libertação de Moçambique (FRELIMO) dominierten Süden und die von der gegnerischen Resistência Nacional Moçambicana (RENAMO) regierten zentralen Landesteile fort. So gespalten wie das Land scheint auch die Erinnerung an die Gewalt des Bürgerkriegs.
Ziel des Projekts war, angesichts der wiederkehrenden Konflikte und ihrer räumlichen Dimensionen mit ethnographischen Forschungsmethoden zu untersuchen, wie innere und äußere Akteure die gespaltene Raumkonstruktion über Zeit auch mittels erinnerungskultureller Praxis reproduzieren und wie diese Routinen durchbrochen werden könnten, um Frieden in Mosambik zu befördern. Im Mittelpunkt der Arbeit stand der „Raum“ als Ausdruck und Strategie sozialer und politischer Praxis.
Da die geplante empirische Forschung durch die Covid-19-Pandemie auf absehbare Zeit nicht durchführbar ist, wurde die Arbeit daran im August 2020 eingestellt.
Gefördert wurde das Projekt über zwei Jahre von der Stiftung Ökohaus Frankfurt.
Das zeitgeschichtlich und juristisch orientierte Dissertationsprojekt untersucht die Demokratisierungsstrategie des Europarats gegenüber Russland. Im Zentrum der Arbeit stehen die Mechanismen und Instrumente des Europarats auf den Gebieten der demokratischen und rechtlichen Entwicklungshilfe. Ein besonderes Augenmerk gilt den Monitoring- und Evaluationsmechanismen, die der Europarat seit 1989 initiiert und implementiert hat.
Die Dissertationsprojekt „Sicherheitskonflikte, Sicherheitskonzepte und -akteure in Nigeria“ beschäftigte sich mit der lokalen Wahrnehmung ausgewählter Maßnahmen innerhalb der Polizeireform in Nigeria.
Die Reformen einer Sicherheitsarchitektur im Alltag
Die nigerianische Gesellschaft ist von tiefgreifenden Sicherheitsdefiziten geprägt, da u.a. das Misstrauen zwischen uniformierten Vertretern der Staatsmacht und ‚einfachen‘ Bürgern groß ist. Das Erkenntnisinteresse der ethnografischen Arbeit von Nina Müller war, zu erforschen, ob und wie sich die von internationalen und nationalen Akteuren betriebenen Reformbemühungen für eine verbesserte Sicherheitsarchitektur auf lokaler Ebene im Alltag manifestieren und welchen Aushandlungsprozessen sie dabei unterliegen.
Zwang ist ein bedeutsames Mittel in der internationalen Zusammenarbeit und bei Fragen von Krieg und Frieden. Zwangsmaßnahmen werden in der Staatenwelt häufig genutzt, um Ordnung zu schaffen – von gezielten Sanktionen bis hin zu längerfristigen Zwangsverhältnissen zwischen Staaten. Zwangsmittel sind jedoch nicht immer ein zielführendes Mittel zur Regelbefolgung durch den sanktionierten Staat. Unbeabsichtigte Folgen, Widerstand und strategische Überlegungen aller Beteiligten – unter anderen Faktoren – beeinflussen die Effektivität der gewählten Zwangsmittel in der Erzielung des durch den sanktionierenden Staat beabsichtigten Effektes.
Das Dissertationsvorhaben untersucht einen solchen intervenierenden Faktor – die Kapazitäten des sanktionierten Staates. Fraglich ist, wie die Effektivität von gezielten Zwangsmaßnahmen und Abhängigkeitsverhältnissen bei der Erzwingung von Compliance durch Staatskapazität moderiert – d.h. verstärkt oder abgeschwächt – werden. Dieses Verhältnis ist sowohl für die Herstellung als auch den Erhalt von Frieden und internationaler Ordnung von Bedeutung.
„Staatskapazität“ umfasst in Abgrenzung zum allgemeinen Begriff der „failed states“ die spezifischen Fähigkeiten, die ein Staat benötigt, um das in Frage stehende Politikfeld innerstaatlich zu regulieren. Unter sonst gleichen Bedingungen wird angenommen, dass Staaten mit schwächeren Kapazitäten im jeweiligen Politikfeld auch weniger deutlich auf externen Druck reagieren. Ebenso könnten ausgeprägtere Kapazitäten den Effekt von Zwangsmaßnahmen verstärken, weil diese Staaten wiederum eher dazu in der Lage sind, das erwünschte Verhalten innenpolitisch durchzusetzen. Ferner wird die Berücksichtigung von Staatskapazität bei der Planung von Zwangsmaßnahmen untersucht werden.
Warum haben die russisch-westlichen Beziehungen weniger als eine Generation nach dem Kalten Krieg einen so dramatischen Abschwung erlebt? Trotz der umfangreichen Literatur zu diesem Thema geben die meisten Wissenschaftler einer Seite des Konflikts die Schuld und übersehen dabei die Rolle der europäischen Sicherheitsinstitutionen bei der Entstehung der Krise. Diese kumulative Dissertation, die im Rahmen des DRIFTING APART-Projekts erstellt wurde, untersucht die die Rolle der europäischen Sicherheitsinstitutionen und ihre Rolle bei der Verschärfung des russisch-westlichen Konflikts nach dem Kalten Krieg. Es wird argumentiert, dass diese Institutionen und Russlands Dissoziation von ihnen, oder „Ruxit“, nicht nur Opfer, sondern auch Ursachen des Konflikts sind.
Die Dissertation zeigt, dass die europäischen multilateralen Institutionen zwar nicht die einzige Ursache sind, aber in zweierlei Hinsicht eine Schlüsselrolle bei der Verschärfung der Spannungen spielten. Erstens beruhte die Integration Russlands in die europäische Sicherheitsarchitektur auf der allzu optimistischen Annahme einer unvermeidlichen Demokratisierung Russlands, die sich aufgrund von Wirtschaftskrisen und dem Wiedererstarken einer zunehmend autoritären Führung als kurzlebig erwies. Die drauf folgende NATO und die EU Hedging Strategien in Hinsicht der Wiedereingliederung Russlands in die europäische Sicherheitsarchitektur haben Putins autoritäre Wende aber noch zusätzlich beschleunigt und damit die Beziehung zwischen beiden Parteien weiter erschwert.
Zweitens erwiesen sich die europäischen Sicherheitsinstitutionen als strukturell nicht responsiv genug, sich an die sich rasch verändernde Dynamik zwischen Russland und den Ländern des Westens anzupassen, da die Prämissen, auf denen diese Institutionen beruhten, nicht mehr zutrafen. Nach mehreren erfolglosen Reformversuchen eskalierte Moskau seine Kontestation gegenüber der europäischen Institutionen und beschloss schließlich, sich von diesen normativen Rahmenbedingungen zu distanzieren. In der Dissertation wird argumentiert, dass flexiblere europäische Institutionen Russland innerhalb einer reformierten Ordnung hätten halten können, um seinen aggressiven antiwestlichen Kurs zu vermeiden.
Auf der Grundlage von 43 Interviews mit Politikern, Diplomaten, Wissenschaftlern und Experten sowie einer Synthese aus russischer außenpolitischer Literatur und der Forschung zur institutionellen Krise wird in dieser Dissertation umfassend analysiert, warum sich Russland von der Ordnung, die es einst aktiv unterstützte, entfremdet hat. Sie schlägt eine Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis, Innen- und Außenpolitik und stellt eine Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der russisch-westlichen Beziehungen her.
Elvira Rosert hat in ihrer Dissertation das Phänomen der Nicht-Entstehung von Normen erforscht, indem sie der Frage nachgegangen ist, warum Streumunition erst im Jahr 2008 international geächtet wurde, und warum vorherige Normsetzungsversuche gescheitert oder gänzlich ausgeblieben sind. Hierfür hat sie ein theoretisches Erklärungsmodell entworfen, welches in Anlehnung an Nina Tannenwald die Nicht-Entstehung bestimmter Normen als Resultat permissiver Effekte anderer Normen konzipiert und zwei Mechanismen formuliert, die das Zustandekommen solcher Effekte erklären. Entsprechend lautete die Leitthese der Studie, dass das Streubombenverbot erst so spät verabschiedet wurde, weil es zuvor zweimal „Opfer" permissiver Effekte wurde – erst der entstehenden Anti-Napalm-Norm und danach der entstehenden Anti-Landminen-Norm. Diese These wurde prozessanalytisch mithilfe der Inhaltsanalyse überprüft. Das analysierte Material umfasst mehrere Tausend Dokumente im Untersuchungszeitraum von 1945 bis 2008.
Kognitive Radikalisierung zeichnet sich durch die Akzeptanz einer extremistischen Ideologie aus. Es wird angenommen, dass sowohl dschihadistische als auch rechtsextreme Radikalisierungsprozesse zumindest teilweise durch in extremistischer Propaganda verbreitete Narrative und Geschichten beeinflusst werden. In vielen Fällen werden solche Narrative im digitalen Raum verbreitet und auch konsumiert.
Da Narrative als wichtiger Bestandteil von Radikalisierungsprozessen angesehen werden, überrascht es nicht, dass Narrative auch wichtige Elemente in der Extremismuspräventions- und interventionsarbeit sind. Narrativkampagnen gegen Extremismus werden oft als Gegennarrative und alternative Narrative bezeichnet und sind ein populäres aber stark kritisiertes Werkzeug in der digitalen Extremismusprävention.
In ihrem Dissertationsvorhaben beleuchtet Linda Schlegel einen bisher wenig beachteten Aspekt digitaler Narrativkampagnen gegen Extremismus: Wie kann gutes Storytelling die persuasiven Effekte von Gegennarrativen und alternativen Narrativen stärken? Hierzu überträgt sie bestehendes Wissen zu narrativer Persuasion aus anderen Kontexten wie beispielsweise Entertainment-Education Kampagnen in den Präventionskontext. Ziel ist es zu erläutern wie wichtig gutes Storytelling für die Extremismusprävention ist und zu zeigen, dass die Nutzung von Erkenntnissen aus der narrativen Persuasionsforschung Narrativkampagnen signifikant verbessern können.
Das auf Basis der Dissertation veröffentlichte Buch „Storytelling Against Extremism. Advancing Theory and Practice of Digital Narrative Campaigns against Extremism” erschien im Juni 2025 in der Reihe „Studien des Leibniz-Instituts für Friedens- und Konfliktforschung“ bei Springer VS. Für ihre Dissertation wurde Linda Schlegel mit dem Hessischen Promotionspreises für Demokratieforschung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur (HMWK) ausgezeichnet.
Der dynamische Funktionswandel und die Entwicklung des KSE-Vertrags seit dem Ende des Ost-West-Konflikts bildeten die Grundlage für diese Untersuchung. Er bot besondere Rahmenbedingungen dafür, um vier unterschiedliche Theoreme der Internationalen Beziehungen (Neorealismus, Hegemoniale Stabilitätstheorie, Normativer und Utilitaristischer Institutionalismus) darauf hin zu prüfen, inwieweit sie die Veränderungen und die Anpassungsmaßnahmen des Regimes und sein weiteres Funktionieren erklären können. Die Ergebnisse des Projektes sollen dazu beitragen, die Gründe und Ursachen von Regimewandel und Regimeanpassung besser zu verstehen und die Frage zu klären, welche theoretischen Hypothesen (Hypothese) am besten dazu geeignet sind (ist), die empirischen Befunde zu erklären.
Afrikanische Regionalorganisationen haben weitreichende Befugnisse, um nicht nur aus humanitären Gründen sondern auch bei Regierungsstürzen in ihre Mitgliedsstaaten zu intervenieren. Mittels verschiedener Instrumente wie Sanktionen, Mediation, Diplomatie und militärischen Interventionen, haben diese weitreichende Gestaltungsmacht, um auf die politische Ordnung eines Landes einzuwirken. Nach einem Regierungssturz treten regionale Akteure in ein Machtvakuum, in dem die Legitimität ihrer Intervention nicht mehr nur auf Ebene der Mitgliedsstaaten, sondern vor allem mit lokalen – politischen und gesellschaftlichen – Akteuren (neu) verhandelt werden muss.
Ethnographische Studien zeigen, dass die lokale Wahrnehmung internationaler Friedensinterventionen entscheidend ist für deren Legitimität und damit deren Erfolg langfristig Frieden und Stabilität zu schaffen. Politische und gesellschaftliche Akteure sind nicht einfach nur ‚Empfänger‘ externer Interventionen, sondern sie interpretieren und evaluieren diese aus einer eigenen lokalen Perspektive. Wie afrikanische Regionalorganisationen und deren Interventionen lokal wahrgenommen werden – von politischen und gesellschaftlichen Akteuren der Länder, in die interveniert wird – ist bislang unerforscht.
Am Beispiel der Interventionen der Afrikanischen Union und der Westafrikanischen Staatengemeinschaft ECOWAS in Burkina Faso 2014 und 2015 untersucht das Promotionsprojekt den wechselseitigen Prozess der Legitimierung regionaler Interventionen durch die beteiligten Organisationen einerseits und deren lokaler Wahrnehmung andererseits. Während Studien der IB und der Friedens- und Konfliktforschung sich meist einer normativen Perspektive verschreiben, um die Legitimität von internationalen Organisationen und/oder deren Interventionen zu bewerten, wirft das Vorhaben den Blick gezielt auf Brüche (frictions) und Ambivalenzen einer (De-)Legitimierung ‚von oben‘ – nämlich der Organisationen – und der ‚von unten‘ – aus lokalen Perspektiven.
Im Fokus dieser Untersuchung zum gesellschaftlichen Selbstbewusstsein im postsowjetischen Russland standen die Deutungsmuster "eigen", "unser" und "fremd". Mithilfe der Theorien des "Eigenen" und des "Fremden" aus drei Disziplinen – Psychologie, Soziologie und Demokratietheorie – wurde die Eigenart des postsowjetischen Wandels und die politische Kultur in Russland analysiert. Anhand von qualitativen Interviews mit jungen Menschen der ersten postsowjetischen Generation beleuchtete das abgeschlossene Dissertationsvorhaben Deutungsmuster der gegenwärtigen politischen Kultur in Russland.
Publikationen
- Gesellschaftliches Selbstbewusstsein und politische Kultur im postsowjetischen Russland
| 2011
Schor-Tschudnowskaja, Anna (2011): Gesellschaftliches Selbstbewusstsein und politische Kultur im postsowjetischen Russland. Eine Studie zu den Deutungsmustern "eigen", "unser" und "fremd", Studien der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung.
In ihrem Dissertationsprojekt untersucht Diane Schumann, wie Dialogforen globaler Wirtschafts- und Finanzinstitutionen die Legitimitätsüberzeugungen zivilgesellschaftlicher Akteure prägen, wobei die Civil 20 Engagement Group der G20 als Fallstudie dient. Diese Foren bieten globalen nichtstaatlichen Akteuren eine Plattform, um mit der G20 zu interagieren – stets in einem Spannungsfeld zwischen dem Aufbau unabhängiger Handlungsmacht auf der einen Seite und dem Eingreifen der G20 Präsidentschaften auf der anderen Seite, die die Möglichkeit haben, Räume kritischen Diskurses einzuschränken. Sie zeigt in ihrer Studie, dass die G20-Dialogforen zwar wichtige Räume für zivilgesellschaftlichen Diskurs schaffen, aber weder als wirksame Instrumente zur Stärkung von Legitimität noch zur Unterdrückung von Kritik dienen. In einer Zeit, in der der zivilgesellschaftliche Raum weltweit schrumpft, bleiben diese Foren ein essenzieller Ort für Austausch und Einflussnahme.
Die Debatten um konventionelle Rüstungskontrolle auf dem afrikanischen Kontinent werden von einem Fokus auf die illegale Verbreitung kleiner und leichter Waffen dominiert. Dies spiegelt sich auch in Entwicklungsprojekten internationaler Geber wider. Hindernisse bei der Umsetzung von Rüstungskontrollregimen werden dabei vorrangig als Kapazitätsproblem aufgefasst.
In seinem Dissertationsprojekt untersucht Matthias Schwarz, welchen politökonomischen Hürden Compliance in der konventionellen Rüstungskontrolle gegenübersteht. Kapazität wird dabei nur als ein ergänzender Erklärungsfaktor verstanden, aber um die Frage erweitert, welchen Einfluss die Verfasstheit staatlicher Strukturen auf die Umsetzung von Rüstungskontrolle ausübt. Das Projekt basiert vielmehr auf einem Verständnis von Compliance und Implementierung, das in politischen und soziologischen Aushandlungsprozessen nationaler und internationaler Sicherheitspolitik begründet liegt. Vor dem Hintergrund des Vertrags über den Waffenhandel, des Kleinwaffenaktionsprogramms der Vereinten Nationen und regionaler Rüstungskontrollabkommen umfasst der Untersuchungsrahmen zudem die gesamte Bandbreite konventioneller Waffen. Hierbei steht insbesondere Transparenz bei deren Beschaffung im Fokus.
Das Forschungsvorhaben versteht Regierungen also nicht als passive Ausführer sondern als aktive Gestalter von Rüstungskontrolle. Internationale Normen werden demnach im nationalen Kontext politpraktisch angepasst. Die Untersuchung nimmt die zugrundeliegenden Ursachen und Effekte mit einem Fokus auf Aushandlungsprozesse zwischen Regierungen und deren Sicherheitssektor-Organen in den Blick. Sie vergleicht in diesem Zusammenhang drei afrikanische Staaten.
Betrachtet man den Mittleren Osten und Nordafrika (MENA) nach den Umbrüchen von 2010/2011, wird nur Tunesien häufig als ein „leuchtendes Beispiel“ für einen erfolgreichen (Beginn eines) Übergang zur Demokratie herangezogen. Gleichzeitig steht das Land aber vor großen Herausforderungen, bspw. islamistischer Radikalisierung: Seit 2011 kam es zu zahlreichen Terroranschlägen vor Ort, außerdem spiel(t)en Tunesier häufig führende Rollen in transnationalen jihadistischen Netzwerken und es wird von etwa 6.000 tunesischen foreign fighters ausgegangen.
Die Forschung bietet ein breites Spektrum von Erklärungsansätzen, darunter politische, religiöse und sozioökonomische Marginalisierung – eine These, die sich in der Forschung zur MENA-Region, Europas und der USA gleichermaßen wiederfindet. Obwohl sich die meisten Autor*innen einig sind, dass Marginalisierung einen Hintergrund darstellt, vor dem Radikalisierungsprozesse wahrscheinlicher werden, fehlt bisher eine umfassende empirische Analyse, die sowohl objektiv messbare als auch wahrgenommene Marginalisierung in den Blick nimmt und ihre Rolle im Hinblick auf Radikalisierung und der Hinwendung zu Gewalt untersucht.
Diesen Zusammenhang untersucht Clara-Auguste Süß in ihrer Dissertation vor dem Hintergrund der sozialen Bewegungsforschung. Die Arbeit kombiniert dabei zwei Ansätze und Blickwinkel: (1) Frameanalyse von online-Kommunikation radikaler Gruppen (Perspektive von oben – Anführer und diskursive Strategien) und (2) Vergleichende Analyse lokaler Perspektiven auf Marginalisierung, grievances und Raum (Perspektive von unten – potenzielle Sympathisant*innen).
Publikationen
- The Socioeconomic Dimension of Islamist Radicalization in Egypt and Tunisia
| 2019
Süß, Clara-Auguste; Aakhunzzada, Ahmad Noor Baheige (2019): The Socioeconomic Dimension of Islamist Radicalization in Egypt and Tunisia, PRIF Working Paper, 45, Frankfurt/M.
Einschränkungen der bürgerlichen und politischen Handlungsspielräume innerhalb eines Wahlzyklus haben weltweit zugenommen. In den letzten Jahren wurden in mehr als 63 Ländern weltweit restriktive Gesetze verabschiedet, welche die Handlungsspielräume von zivilgesellschaftlichen und politischen Akteuren eingeschränkt haben. Kompetitive Wahlen erzeugen ein Klima der politischen Anspannung und sind häufig ein Stresstest für Wahldemokratien. Politiker*innen und Aktivist*innen stehen gleichermaßen unter Druck. Die einen, weil sie ihren Machtverlust befürchten, die anderen, weil sie repressiven Maßnahmen ausgesetzt sind.
Trotz dieser Einschränkungen ist immer wieder zu beobachten, dass es der Zivilgesellschaft und den Oppositionsparteien als Reaktion auf die Einschränkungen gelingt, neue Formen und Wege zu finden, um aktiv zu bleiben, auf illiberale Tendenzen zu reagieren und sich gegen Beschränkungen ihrer Handlungsmöglichkeiten zur Wehr zu setzen. Ausgehend von dieser Beobachtung untersucht die Forschungsarbeit die Faktoren, die es den Akteur*innen ermöglichen, handlungsfähig zu bleiben. Dabei wird der zentralen These nachgegangen, dass durch ein Minimum an Resilienz im Wahlzyklus die Organisations- und Handlungsfähigkeit aufrechterhalten bleibt.
Publikationen
- At a crossroads
| 2021
Wagner, Rebecca (2021): At a crossroads. Kyrgyzstan after the recent elections, PRIF Spotlight, 1, Frankfurt/M.
Das 2007 abgeschlossene politikwissenschaftliche Dissertationsvorhaben „Demokratie, sozialer Frieden und ökonomische Krise in Südamerika. Zur politischen Ökonomie peripher-demokratischer Pazifizierungs- und Stabilisierungsmuster am Beispiel von Argentinien und Ecuador“ befasste sich mit einem erstaunlichen Befund: dem Überleben südamerikanischer Demokratien trotz tiefer wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Krisen. In zwei vergleichend angelegten Fallstudien zu Argentinien und Ecuador wurde untersucht, wie ökonomische Krise, sozialer Protest und politische Krisenbearbeitung in einer Weise zusammenwirkten, dass soziopolitische Konflikte bis zur Krise der Demokratie eskalierten, dann aber „short of collapse" in einen Prozess der Re-Stabilisierung mündeten. Mikrostudien zu den argentinischen Arbeitslosenbewegungen und der indigenen Bewegung in Ecuador ergänzten die Fallanalysen. Bolivien und Chile wurden als Kontrollfälle hinzugezogen.
Zentrales Ergebnis des Forschungsvorhabens ist, dass ein Idealmodell demokratischer Stabilisierung und Pazifizierung, demzufolge der demokratische Staat die Transformation des Konfliktaustrags in institutionalisierte, friedliche Bahnen mit der effektiven Reduktion der Konfliktursachen verbindet, durch einen Blick auf informelle Mechanismen politischer Konfliktbearbeitung einerseits, gesellschaflich-regulative Formen der Konfliktrepression andererseits ergänzt werden muss. Informelle politische Institutionen und Praktiken, die die Einbindung gesellschaftlicher Gruppen wie die Aufnahme gesellschaftlicher Anforderungen qua formal-demokratischer Verfahren ergänzen, sind etwa klientelistische Beziehungsmuster, außerinstitutionelle Verhandlungssysteme, aber auch der protestförmige Sturz gewählter Präsidenten (popular impeachment). Die Kategorie gesellschaftlich-regulativer Konfliktrepression weist darauf hin, dass zudem die intrinsische Konfliktfähigkeit sozialer Gruppen eine variable Größe darstellt. Hier gilt es, ein breites Spektrum sozioökonomischer, politisch-institutioneller und kognitiv-ideologischer Faktoren zu betrachten, die regulativ-repressiv wirken, indem sie auf Seiten potenziell konfliktträchtiger Gruppen die Kapazitäten und Anreize zur Organisation, Mobilisierung und kollektiven Aktion reduzieren.
Das Dissertationsprojekt wurde von der Deutschen Sitftung Friedensforschung gefördert.
Zur Buchveröffentlichung im Nomos Verlag
Publications
- Die politische Ökonomie des inneren Demokratischen Friedens in Argentinien und Ecuador
| 2012
Wolff, Jonas (2012): Die politische Ökonomie des inneren Demokratischen Friedens in Argentinien und Ecuador, in: Spanger, Hans-Joachim (eds), Der demokratische Unfrieden. Über das spannungsreiche Verhältnis zwischen Demokratie und innerer Gewalt. Studien der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung Bd. 16, Baden-Baden: Nomos, 113-148. - On boxes and arrows: Cognitive maps as an instrument for actor-centered process-tracing
| 2010
Wolff, Jonas (2010): On boxes and arrows: Cognitive maps as an instrument for actor-centered process-tracing, Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft. - Vom „Argentinazo“ zu Néstor Kircher.
| 2010
Wolff, Jonas (2010): Vom „Argentinazo“ zu Néstor Kircher.. Krise und Überleben der argentinischen Demokratie (2001-2007), in: Birle, Peter/Bodemer, Klaus/Pagni, Andrea (eds), Argentinien heute: Politik, Wirtschaft, Kultur, Frankfurt/M: Vervuert, 55-72. - Von Kästen und Pfeilen
| 2009
Wolff, Jonas (2009): Von Kästen und Pfeilen. Cognitive maps als Instrument der akteurszentrierten Politikanalyse, Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft, 131–153. DOI: 10.1007/s12286-009-0025-6 - De-Idealizing the Democratic Civil Peace
| 2009
Wolff, Jonas (2009): De-Idealizing the Democratic Civil Peace. On the Political Economy of Democratic Stabilisation and Pacification in Argentina and Ecuador, Democratization, 998-1026. DOI: 10.1080/13510340903162143 - Der innere Frieden der Demokratie diesseits ferner Ideale
| 2009
Wolff, Jonas (2009): Der innere Frieden der Demokratie diesseits ferner Ideale. Zum erstaunlichen Erfolg demokratischer Stabilisierung und Pazifizierung in Südamerika, in: Margit Bussmann; Andreas Hasenclever; Gerald Schneider (eds), Identität, Institutionen und Ökonomie: Ursachen innenpolitischer Gewalt, Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft Nr. 43/2009, Wiesbaden (VS Verlag), 209-234. - Turbulente Stabilität
| 2008
Wolff, Jonas (2008): Turbulente Stabilität. Die Demokratie in Südamerika diesseits ferner Ideale, Studien der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Band 1.
ISBN: 978-3-8329-3388-3 - (De-)Mobilising the Marginalised
| 2007
Wolff, Jonas (2007): (De-)Mobilising the Marginalised. A Comparison of the Argentine Piqueteros and Ecuador's Indigenous Movement, Journal of Latin American Studies, 39: 1, 1–29. - Zwischen Demokratisierung und Destabilisierung
| 2006
Wolff, Jonas (2006): Zwischen Demokratisierung und Destabilisierung. Die indigenen Bewegungen in Bolivien und Ecuador als Herausforderung der real-existierenden Demokratie, in: Bopp, Fransziska; Ismar, Georg (eds), Bolivien – Neue Wege und alte Gegensätze, Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin, 247–278. - Ambivalent consequences of social exclusion for real-existing democracy in Latin America
| 2005
Wolff, Jonas (2005): Ambivalent consequences of social exclusion for real-existing democracy in Latin America. The example of the Argentine crisis, Journal of International Relations and Development, 8: 1, 58–87. - Bolivien – Krise eines Friedensmodells
| 2004
Wolff, Jonas (2004): Bolivien – Krise eines Friedensmodells, in: Weller, Christoph; Ratsch, Ulrich; Mutz, Reinhard; Schoch, Bruno; Hauswedell, Corinna (eds), Friedensgutachten 2004, Münster: LIT Verlag, 107–115. - Demokratisierung als Risiko der Demokratie?
| 2004
Wolff, Jonas (2004): Demokratisierung als Risiko der Demokratie?. Die Krise der Politik in Bolivien und Ecuador und die Rolle der indigenen Bewegungen, HSFK-Report, Nr. 6. Download - Argentinien nach der Krise
| 2003
Wolff, Jonas (2003): Argentinien nach der Krise. Zur erstaunlichen Stabilität der real-existierenden Demokratie, HSFK-Standpunkt, Nr. 5. Download