Transnationale Politik
In einer stark vernetzten Welt untersucht der Programmbereich die transnationalen Dimensionen von Frieden und Konflikt. Er analysiert, wie transnationale Akteure Gewalt bedingen oder Frieden fördern. Dabei konzentriert er sich unter anderem auf nichtstaatliche gewalttätige Gruppen und Netzwerke, NGOs, religiöse Akteure und transnationale Konzerne. Der Programmbereich erforscht zudem, wie Frieden und Konflikt durch transnationale Phänomene wie Klimawandel, Terrorismus, technologischen Wandel, gewaltfördernde Ideologien und Migration geprägt werden und diese wiederum prägen. Seine Forschung umfasst drei Hauptbereiche: (1) transnationale gewaltbereite und nicht-gewaltbereite Akteure, (2) transnationale Phänomene und deren Wechselwirkung mit Frieden und Konflikt sowie (3) transnationale Dynamiken der Radikalisierung, des Extremismus und dessen Prävention.
Am Programmbereich Transnationale Politik sind zudem die Forschungsgruppen Radikalisierung, Terrorismus und Extremismusprävention und Ökologie, Klima und Konflikt angesiedelt.
Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen
Assoziierte Forscher*innen
Studentische Hilfskräfte
- Jan Helmut Hoffmann
- Jonas Kamps
- Maya Stein
- Anna Thaler
- Johannes von Eyb
Projekte
Dissertationen
Im Sommer 2014 brachten die Dschihadisten der sunnitisch-islamistischen Terrororganisation Islamischer Staat (IS/Da’esh) in einer Blitzoffensive überwiegend sunnitisch geprägte Regionen des Iraks, darunter die Millionenstadt Mossul, sowie weite Regionen Ostsyriens unter ihre Kontrolle. In mehreren Regionen kam es infolge der Offensive zum Zusammenbruch regulärer irakischer Sicherheitskräfte sowie in zahlreichen Regionen Syriens zur Verdrängung staatlicher Akteure. Zeitweise übten die Islamisten faktische territoriale Kontrolle über weite Gebiete des irakischen und syrischen Staatsgebiets aus. Mit der im Juni 2014 verkündeten Ausrufung eines staatenübergreifenden Kalifats, konzipiert als islamischer „Gottesstaat“, erklärte der IS Abu Bakr Al-Baghdadi zum Kalifen und erhob damit den Anspruch auf religiös-politische Führerschaft über die islamische Gemeinschaft (Umma). In den von ihr kontrollierten Gebieten errichtete die Organisation daraufhin proto-staatliche Herrschaftsstrukturen, unter denen zeitweise mehrere Millionen Menschen lebten. Das Auftreten und die Entwicklung des IS markierten eine Zäsur in der bisherigen Geschichte des jihadistischen Terrorismus.
Das Dissertationsprojekt zielt darauf ab, jene strukturellen, politischen und organisatorischen Faktoren systematisch zu analysieren, die den rasanten Aufstieg des IS, seine bemerkenswerte militärische Schlagkraft, seine temporäre territoriale Herrschaft sowie seinen anschließenden Zusammenbruch im Irak und in Syrien ermöglichten. Im Fokus steht die Frage, wie es einer jihadistischen Organisation gelingen konnte, innerhalb kürzester Zeit teilweise hochkomplexe, koordinierte militärische Offensiven durchzuführen, reguläre staatliche Sicherheitskräfte zu überwältigen und parallel dazu funktionsfähige Verwaltungs- und Sicherheitsstrukturen zur Herrschaftsausübung zu etablieren.
Die Studie verortet die Entwicklung des IS im Kontext langfristiger staatlicher und gesellschaftlicher Transformationsprozesse im Irak seit 2003 sowie des syrischen Bürgerkriegs ab 2011 und untersucht insbesondere, wie sich die operative und institutionelle Leistungsfähigkeit dieser Organisation unter Bedingungen wie staatlicher Fragmentierung herausbildete und warum sie schließlich wieder verloren ging – jenseits rein ideologischer Erklärungen.
Die Dissertation folgt einem qualitativen Forschungsdesign. Die empirische Grundlage bildet die Auswertung von rund 90 selbst geführten Interviews, die überwiegend im Rahmen zweier Forschungsaufenthalte im Irak durchgeführt wurden. Zu den Interviewpartnern zählen unter anderem hochrangige irakische Militärangehörige, Angehörige der kurdischen Peschmerga sowie Mitglieder lokaler Bürgerwehren und weitere Akteure, die direkt oder indirekt in die militärischen Auseinandersetzungen mit dem IS involviert waren. Ergänzt wird das Interviewmaterial durch Gespräche mit internationalen Terrorismus- und Nahostexperten. Flankierend stützt sich die Analyse auf die Auswertung einschlägiger Primärquellen der IS-Organisation sowie auf eine breite Sekundärliteratur aus der Terrorismus-, Konflikt- und Nahostforschung.
Die terroristische Bedrohung ist seit Jahrzehnten in europäischen Staaten ein allgegenwärtiges Phänomen. Dennoch sind ihre Auswirkungen auf die öffentliche Meinung, das politische Geschehen und die innerstaatlichen Debatten derzeit stärker denn je zuvor. Parallel steht das europäische Projekt auf dem Prüfstand: Rechtspopulistische Parteien erleben einen Aufschwung, und die Zukunft des Nationalismus, der Einwanderung und der Europäischen Union wird sowohl zwischen den Mitgliedsländern als auch innerhalb ihrer jeweiligen Gesellschaften kontrovers diskutiert.
Diese Untersuchung hat das Ziel, Antworten auf die Frage nach dem Einfluss der terroristischen Bedrohung auf den Identitätsdiskurs in Frankreich und Deutschland zu finden. Dazu untersucht Damaris Braun, inwieweit Terroranschläge nationale Identitätsmarker verstärken. Ein weiteres Forschungsziel ist die Klärung der Frage, in welcher Weise die terroristische Bedrohung das individuelle Lebensumfeld verändert und damit unsere situierten Identitäten beeinflusst. Ausgehend von einer Theorie sozialer Identität wird eine Interdependenz und/oder Interferenz zwischen nationalen und europäischen Identitätskonstruktionen angenommen. Zusätzlich berücksichtigt die Studie Aspekte wie Handlungsfähigkeit, Rekonstruktion einer positiven Identität und übergeordnete Identitätskategorien.
Im Rahmen eines „Mixed Method“-Designs erhebt Damaris Braun auf diese Weise neue Daten zum Einfluss terroristischer Bedrohungen auf Identitätsprozesse auf nationaler und supranationaler Ebene, und leistet so einen wichtigen Beitrag zur Identitäts- und Terrorismusforschung.
Dieses Promotionsprojekt untersucht den Aufstieg antifeministischer, verschwörungstheoretischer Mobilisierung in Deutschland, der insbesondere geprägt ist von rechtskonservativen, katholischen und rechten Akteuren, die sich gegen Geschlechtergerechtigkeit und gegen die Rechte von queeren und trans Personen wenden. Sie betrachten diese als Treiber eines gesellschaftlichen Zusammenbruch durch die Erosion „natürlicher“ Geschlechterrollen. Aus psychologischer Sicht ist die Unterstützung des Antifeminismus nicht direkt nachvollziehbar, da sie eine Ablehnung von Politiken beinhaltet, die für viele Befreiung versprechen. Die verschwörungsideologische Opposition dagegen verknüpft Antifeminismus zudem mit antisemitischen Sichtweisen und stärkt so die Selbstsicht, sich in der Abwehr gegen vermeintlich feministische Eliten zu befinden. Dieses Projekt zielt darauf ab, zu erforschen, wie Menschen unterschiedlicher Geschlechtsidentitäten dennoch politische Ermächtigung in diesen Bewegungen erleben und wie sie jene wahrnehmen, die sie als Bedrohung sehen. Durch Interviews und die Analyse von Online-Narrativen werden die sozio-psychologischen Mechanismen untersucht, durch die Individuen politische Handlungsfähigkeit erlangen.
In ihrer Dissertation untersucht Lotta Rahlf die Institutionalisierung von Evaluation und Qualitätssicherung in der Extremismusprävention in zwölf europäischen Ländern. Das Promotionsprojekt analysiert, wie und warum europäische Staaten Evaluation zu unterschiedlichen Graden als Instrument sowohl der Fremdkontrolle (etwa in Förderstrukturen) als auch der Selbstkontrolle (im Rahmen politischer Strategien) einsetzen.
Theoretisch verknüpft die Arbeit Ansätze aus Governance-, Institutionalisierungs- und Evaluationsforschung und entwickelt daraus einen analytischen Rahmen, um nationale Unterschiede bei der Institutionalisierung von Evaluation und Qualitätssicherung systematisch und vergleichend zu kartieren und zu erklären. Empirisch umfasst die Studie einen vergleichenden Überblick über zwölf europäische Länder und die Einbettung von Evaluation und Qualitätssicherung in Förderstrukturen und politische Strategien der Extremismusprävention. Außerdem werden eine Qualitative Comparative Analysis (QCA) zur Identifikation notwendiger und hinreichender Bedingungen sowie vertiefende Analysen zu Deutschland und Norwegen durchgeführt.
Das Projekt leistet in dreifacher Hinsicht einen relevanten Forschungs- und Praxisbeitrag: Es bietet ein theoretisch fundiertes und operationalisierbares Konzept zur Institutionalisierung von Evaluation in der Extremismusprävention, eine vergleichende empirische Kartierung der Extremismusprävention und ihrer Evaluationsstrukturen sowie eine methodische Innovation durch die Verknüpfung von QCA und Process Tracing. Die Dissertation entsteht im Rahmen des von der EU geförderten Marie-Skłodowska-Curie-Doktorand*innennetzwerks VORTEX und leistet damit auch einen Beitrag zur evidenzbasierten Gestaltung europäischer Extremismusprävention.
Sogenannte Reichsbürger*innen sind kein neues Phänomen in Deutschland. Die Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit – wie z.B. die Festnahmen rund um die „Patriotische Union“ seit Dezember 2022, die Protestbewegungen während der Covid-19 Pandemie und mehrere schwere Gewalttaten – verdeutlichen dennoch eine steigende gesellschaftliche Relevanz des Themenkomplexes. Der Wissensstand hierzu gestaltet sich aktuell jedoch fragmentarisch und verhindert eine tiefergehende forscherische Auseinandersetzung mit der Anhänger*innenschaft dieses ideologischen Spektrums. Vorläufige Analysen liefern Hinweise darauf, dass sich diese z.B. im Hinblick auf demografische Faktoren, aber auch bzgl. der Rolle von Sozialdynamiken und Organisationsformen von anderen, besser erforschten extremistischen Phänomenen unterscheiden könnte. Angesichts dieser Unterschiede können bestehende Konzeptualisierungen von Radikalisierung nicht ohne weiteres auf Reichsbürger*innen übertragen werden und es bedarf neuer, dezidierter Forschung.
In seinem Dissertationsvorhaben untersucht Maximilian Ruf auf Basis biographisch-narrativer Interviews individuelle Wege und Kausalitäten der Radikalisierung von Reichsbürger*innen in Deutschland. Ziel der Arbeit ist es, neues Wissen zu Radikalisierungsprozessen von Reichsbürger*innen zu generieren und zu systematisieren, um sie von anderen Radikalisierungsphänomenen abzugrenzen und neue Ansatzpunkte für weiterführende Forschung sowie Praxisentwicklung zu identifizieren.
Der Umgang mit postmigrantischer Diversität stellt eine aktuelle Anforderung an staatliche Institutionen in Deutschland dar. Der demografische Wandel sowie Rassismusdebatten führen zu einem Handlungsdruck, sich mit Fragen der Zugehörigkeit, Repräsentation und Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund auseinanderzusetzen. Insgesamt kann ein Bestreben von Polizeien beobachtet werden, Menschen mit Migrationshintergrund in Anwerbekampagnen anzusprechen und einzustellen. Diese Diversifizierung führt auf Grund der etablierten Polizei- und Organisationskultur jedoch nicht unbedingt zu einem institutionellen Wandel.
Auch wenn es noch keinen Paradigmenwechsel gibt, lässt sich eine Veränderung der deutschen Polizei im Umgang mit postmigrantischer Diversität feststellen. Dieses Dissertationsvorhaben untersucht mit ethnomethodologischen Methoden und qualitativen Interviews Diversitätsverständnisse in der deutschen Polizei, indem Praktiken der Diversitätsgestaltung analysiert werden.
Radikale Positionen finden derzeit in vielen europäischen Staaten und auch in Deutschland wieder verstärkt Zulauf und antidemokratisches und antiemanzipatorisches Gedankengut verbreiten sich. Vor allem online nimmt Hasskriminalität zunehmend zu und Kommentare sowie Äußerungen in der virtuellen Welt werden hemmungsloser. Besonders augenscheinlich ist diese Entwicklung seit einigen Jahren in den Phänomenbereichen des salafistischen Dschihadismus und des Rechtsextremismus.
Indem weitere Personen für die rechte oder die salafistische Ideologie gewonnen werden und die Gewaltbereitschaft innerhalb der Szenen steigt, scheinen die Mobilisierungsstrategien und -techniken extremistischer Akteure aufzugehen. Mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse von Facebookinhalten salafistischer und rechtsradikaler bzw. rechtsextremer Akteure untersucht Manjana Sold in ihrem Dissertationsvorhaben, welche Mobilisierungstechniken von unterschiedlich radikalen Personen eingesetzt werden und welche Unterschiede sich innerhalb der Phänomenbereiche sowie zwischen den beiden Phänomenbereich beobachten lassen.
Der Umgang mit Terrorismus hat spätestens seit dem 11. September 2001 die Agenden nationaler Sicherheit geprägt. Auch in Deutschland hat die Politik auf die als „neue Dimension“ wahrgenommene Bedrohung reagiert. Der Ansatz, den man dazu hierzulande verfolgt, setzt auf rechtsstaatliche Mechanismen, die den Terrorismus als Form der Kriminalität begreifen und ihm mit den Mitteln des Rechts begegnen (anders als im US-amerikanischen „war on terror“). So sind seit 2001 zahlreiche Gesetze zur oder mit Bezug auf Terrorismusbekämpfung auf Bundes- und Landesebene verabschiedet worden. Sie erstrecken sich über zahlreiche Rechtsgebiete, spiegeln ein weites Sicherheitsverständnis wider und haben das Gefüge der inneren Sicherheit immer wieder verschoben. Einige rechtsstaatliche Mechanismen wurden durch diese Transformationen heraus- und überfordert: Risikovorsorge und Vorfeld-Maßnahmen sollen Sicherheitsbehörden möglichst weit „vor die Lage“ bringen, dringen aber auch in grundrechtlich geschützte Bereiche vor und verwässern grundlegende Prinzipien, wie die Unschuldsvermutung.
In ihrem Dissertationsvorhaben untersucht Isabelle Stephanblome den gesetzgeberischen Umgang mit Terrorismus im Spannungsfeld von Politik, Recht und Unsicherheit. Dazu werden verschiedene Strategien zur Beherrschung von Unsicherheit typologisiert und Argumente zu deren Legitimation analysiert. Grundlage dafür ist die Gesetzgebung des Bundes und ausgewählter Bundesländer. Die Rechtstexte sowie die Dokumente ihrer Entstehungsprozesse sollen mit einem interpretativen Ansatz in einer qualitativen Fallstudie untersucht werden. Das Projekt verortet sich in der politikwissenschaftlichen Rechtsforschung und soll auch dazu beitragen, Recht als staatliches Instrument zur Verarbeitung von Unsicherheit für die Sicherheitsstudien zu erschließen.
Die Dissertation untersucht, wie Präventionshybride die Praxis beeinflussen. Extremismusprävention wird üblicherweise in drei Bereiche geteilt. In der Theorie wird zwischen primärer, sekundärer und tertiärer Prävention unterschieden. Während sich primäre Prävention an die Allgemeinheit richtet, versucht sekundäre Prävention Personen zu erreichen, von denen angenommen wird, dass ein erhöhtes Risiko hinsichtlich Radikalisierung besteht. Tertiäre Prävention zielt schließlich auf Distanzierung und Deradikalisierung ab. In der Praxis lassen sich jedoch Überlappungen zwischen den Bereichen wiederfinden, wodurch sich Handlungsziele sowie Ansätze vermischen. So werden beispielsweise Primärpräventionsprogramme im Kontext der Sekundärprävention umgesetzt und umgekehrt. Diese Präventionshybride verbinden dadurch Aspekte, die per Definition verschiedene Bereiche abdecken. Das Projekt untersucht dabei, wie Praktiker*innen diese Programme in unterschiedlichen Kontexten erleben und umsetzen. Die Dissertation ergründet damit, wie Möglichkeiten und Bedarfe in der Präventionspraxis ausgehandelt werden. Dieses Forschungsvorhaben, das Teil des von der EU finanzierten Marie-Skłodowska-Curie-Doktorandennetzwerks VORTEX ist, liefert Einblicke in Konzeption und Durchführung von Prävention und hat damit theoretische sowie praktische Relevanz.
Im vergangenen Jahrzehnt haben sich wiederholt terroristische Anschläge durch sogenannte einsame Wölfe, ereignet. Die Anschläge durch Anders Breivik in Norwegen und Arid Uka in Deutschland sind dabei nur zwei Beispiele eines zunehmend auftretenden Phänomens. Einsame Wölfe als Täter*innentypus handeln vermeintlich alleine und radikalisieren sich vermeintlich ohne externen Einfluss. Gleichzeitig zeigt die Radikalisierungsforschung jedoch die essenzielle Bedeutung von sozialen Verbindungen in Radikalisierungs- und Mobilisierungsprozessen auf, sodass sich die Frage ergibt, wie sich einsame Wölfe radikalisieren und mobilisieren können, wenn sie entsprechend ihres namensgebendes Merkmals doch einsam sind und entsprechend keine sozialen Verbindungen haben. Bisher liegt zu dieser Fragestellung kaum Forschung vor, die dieser Frage auf theoretischer oder empirischer Basis systematisch nachgeht.
In ihrem Dissertationsprojekt befasst sich Annika von Berg mit der Frage, wie soziale Verbindungen in den Radikalisierungs- und Mobilisierungsverläufen terroristischer Einzeltäter*innen wirken. Als theoretische Grundlage wird zur Beantwortung der Frage ein identitätstheoretisches Modell genutzt, welches schließlich im Rahmen von Fallstudien aus den Phänomenbereichen Rechtsextremismus und islamistischer Extremismus mittels Process Tracing überprüft werden soll.
Digitale Spielekultur hat ihr Nischendasein längst verlassen. Diese Ausweitung geht mit exkludierenden Effekten sowie dem Einfluss sozio-kultureller Konflikte einher. Auch Antisemitismus findet auf vielfältige Weise seinen Weg in digitale Spielekultur. Antisemitische Akteur*innen erstellen eigene Spielinhalte, nutzen Kommunikationswege in Spielen, gamifizieren antisemitische Aktivitäten bis hin zu terroristischer Gewalt und verwenden Spielreferenzen sowie gaming-nahe Plattformen zur Ansprache und Vernetzung.
Ziel des Vorhabens ist die Untersuchung der Verbreitung und Ausprägungen von Antisemitismus in Communities digitaler Spiele. Es soll erschlossen werden, welche Akteur*innen, in welchen Räumen und Formen antisemitische Inhalte artikulieren, wie sich diese unterscheiden und wie sie gerechtfertigt werden. Neben der Analyse von Mobilisierungsstrategien und der Wirkung von Antisemitismus in Räumen digitaler Spielekultur, wird im Sinne einer Ideologiekritik herausgearbeitet, welche Projektionen und De-Realisierungen dem artikulierten Antisemitismus zugrunde liegen. Zudem wird untersucht, welche Räume Community-Plattformen digitaler Spiele für Antisemitismus bieten und wie diese entstehen. Schließlich soll die besondere Qualität des Phänomens im Kontext digitaler Spielekultur bestimmt werden, um die spezifischen Eigenheiten eines Antisemitismus in Communities digitaler Spiele herauszuarbeiten. Die Arbeit trägt durch ihre Rückbindung an die Antisemitismusforschung und ihre Theoriebildung zum grundlegenden Verständnis des zeitgenössischen Antisemitismus bei.
Aktuelles
Abgeschlossene Projekte
Wie ein nichtstaatlicher bewaffneter Akteur (ANSA) benannt und diskursiv konstruiert wird, eröffnet Staaten bestimmte Möglichkeiten, mit ihm umzugehen, und verschließt zugleich andere. Die Frage, ob man „mit Terrorist*innen spricht“ oder nicht, ist die prominenteste Version des Dilemmas, in dem sich Staaten – und manchmal auch internationale Organisationen (IOs) – befinden, wenn sie ihre Optionen abwägen: Einerseits könnten sie befürchten, gewalttätiges Verhalten zu belohnen und damit anderen Akteuren Anreize für ähnliche Strategien zu geben. Sie wollen keine Schwäche zeigen, indem sie Zwangsstrategien wie Terrorismus und Erpressung nachgeben. Andererseits werden sie in der Regel von dem Wunsch geleitet, Gewalt und bewaffneten Konflikten ein Ende zu setzen. Entscheidungsträger*innen hoffen dann, den jeweiligen ANSA zu Wandel zu bewegen und ihn in ein friedlicheres politisches und Gesellschaftssystem aus Gesellschaft und Politik zu integrieren. Vor diesem Hintergrund können sich Staaten und IOs dafür entscheiden, (geheime) Gespräche und Verhandlungen aufzunehmen, gegen die jeweilige Gruppe gewaltsam vorzugehen oder einen (positiven oder negativen) Wandel in der Deutung des jeweiligen ANSA vorzunehmen, der neue Wege der Konflikttransformation (oder Eskalation) eröffnet.
All diese Interaktionsformen beinhalten Formen von Anerkennung, Nichtanerkennung oder „verkennender Anerkennung“ (mis-recognition) des Akteurs durch den jeweiligen Staat oder die IO. Anerkennung beschreibt ein menschliches Grundbedürfnis bei der Ausildung von Identitäten, sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene. Das Projekt hat versucht, das Konzept der Anerkennung in die Debatte über den Umgang mit nichtstaatlichen bewaffneten Akteuren einzubinden, sein akademisches und politisches Potenzial zu erforschen und anhand von Beispielen aus verschiedenen Weltregionen seine Gültigkeit für das Verständnis von Konflikttransformation und -eskalation zu diskutieren.
Projektzeitraum: Dezember 2020 – Juli 2021
Publikationen
- Armed non-state actors and the politics of recognition
| 2021
Geis, Anna; Clément, Maéva; Pfeifer, Hanna (2021): Armed non-state actors and the politics of recognition, Manchester: Manchester University Press.
Zur Publikation - Recognition dynamics and Lebanese Hezbollah's role in regional conflicts
| 2021
Pfeifer, Hanna (2021): Recognition dynamics and Lebanese Hezbollah's role in regional conflicts, in: Geis, Anna/Clément, Maéva/Pfeifer, Hanna (eds), Armed non-state actors and the politics of recognition, Manchester: Manchester University Press.
Zur Publikation - Recognising armed non-state actors: Risks and opportunities for conflict transformation
| 2021
Geis, Anna; Clément, Maéva; Pfeifer, Hanna (2021): Recognising armed non-state actors: Risks and opportunities for conflict transformation, in: Geis, Anna/Clément, Maéva/Pfeifer, Hanna (eds), Armed non-state actors and the politics of recognition, Manchester: Manchester University Press.
Zur Publikation
Projektleitung
- Anna Geis
- Maéva Clément
Private Sicherheitsfirmen sind nichtstaatliche Gewaltakteure, die zunehmend Aufgaben übernehmen, welche traditionell exklusiv in die Bereiche des Militärs und anderer staatlicher Behörden gefallen sind. Zu diesen Aufgaben gehören ebenso bewaffnete Einsätze in Krisengebieten wie die Verfolgung und Abwehr von kriminellen Straftaten.
Neben Operationen an Land sind private Sicherheitsfirmen inzwischen mehr und mehr auch im maritimen Bereich tätig, indem sie beispielsweise mit bewaffnetem Begleitpersonal Handelsschiffe vor Piratenangriffen schützen. Das Projekt „Global Crime Governance – Die Privatisierung der maritimen Sicherheit (2014-2019)“ untersuchte maritime Sicherheitsrisiken, vor allem Piraterie, und die Rolle privater Sicherheitsfirmen bei der Bekämpfung nichtstaatlicher Gewalt auf See und war unterteilt in zwei Unterprojekte: „Piraterie in Südostasien“ und „Die Privatisierung der Maritimen Sicherheit“.
Piraterie in Südostasien
Südostasien ist inzwischen wieder die Region mit den meisten Piratenattacken weltweit – zehn Jahre nach dem letzten Piraterie-Boom in asiatischen Gewässern. Das Ziel des Projektes „Piraterie in Südostasien“ war es zu untersuchen, wie sich Piraterie im asiatischen Raum entwickelt hat, welche Maßnahmen zur Pirateriebekämpfung (erfolgreich oder nicht-erfolgreich) eingesetzt werden, und ob in Südostasien Piraterie auch in Zukunft ein Sicherheitsrisiko bleiben wird.
Die Privatisierung der Maritimen Sicherheit
Dieses Unterprojekt untersuchte die Rolle von privaten Sicherheitsakteuren auf See, in der Vergangenheit und der Gegenwart. Es beantwortete dabei die folgenden Kernfragen: Welche Aufgaben haben private Sicherheitsakteure zu verschiedenen Zeitpunkten im maritimen Bereich übernommen? Was sind die Risiken und Vorteile dieses Privatisierungsprozesses? Der gegenwartsbezogene Teil des Projektes untersuchte die Rolle von Private Military and Security Companies (PMSCs) in der Bekämpfung von Piraten in Asien und Afrika. Es fragte nach der Legitimität privater Sicherheitsfirmen und beschäftigt sich mit der Problematik einer staatlichen Kontrolle dieser Firmen und ihrer bewaffneten Einsätze. Außerdem wurde erforscht, ob im Zuge der Privatisierung neue nationale und internationale Governance-Institutionen, inklusive neuer Governance-Ansätze unter Beteiligung nichtstaatlicher Akteure entstehen.
Projektzeitraum: Januar 2014 – Dezember 2019
Publikationen
- Assessing Contemporary Maritime Piracy in Southeast Asia
| 2014
Liss, Carolin (2014): Assessing Contemporary Maritime Piracy in Southeast Asia. Trends, Hotspots and Responses, PRIF Report, 125, Frankfurt/M.
ISBN: ISBN: 978-3-942532-69-3
Projektleitung
- Carolin Liss
Dieses Projekt hat die Literatur zum Thema Rebellengruppen/-bewegungen der Forschungsfelder „Rebel Governance“ und „soziale Bewegungen“ verbunden und erweiterte die Zwangsmittel von Rebellengruppen um die Analyse des strategischen Einsatzes von Raum (space) als Mittel um Unterstützung und politische Legitimität zu erlangen. Es stellte das innovative Konzept des Routinised Insurgent Space (RIS) vor, um mit dessen Hilfe die räumliche Ordnung des unmittelbaren sozialen Umfelds der Rebellen aufzuschlüsseln. Das Projekt befasste sich mit vier spezifischen Fällen von RIS welche bei Rebellengruppen unterschiedlicher ideologischer Orientierung auftauchen: Justiz- und Überwachungssysteme von Rebellen, die Erbringung von Dienstleistungen durch Rebellengruppen, Organisation von Rebellen in Gefängnissen und Beerdigungen. Im Wesentlichen bezog sich das Projekt auf zwei Fallstudien, die M-19 Guerilla-Organisation in Kolumbien und die PKK in der Türkei. Es wurden Daten aus umfangreichen qualitativen Interviews (Feldforschung in Bogota 2018 und gegenwärtige Interviews mit der kurdischen Diaspora in Europa), Primärquellen (Veröffentlichungen der Rebellen und Biographien) und Beiträge lokaler Medien aus dem zu untersuchenden Zeitraum verwendet und analysiert.
Projektzeitraum: Februar 2019 – Februar 2023
Publikationen
- The Spatial Dimension of Insurgent-Civilian Relations: Routinised Insurgent Space
| 2019
O'Connor, Francis (2019): The Spatial Dimension of Insurgent-Civilian Relations: Routinised Insurgent Space, PRIF Working Paper, 44, Frankfurt/M.
Projektleitung
- Francis O'Connor
Immer wieder rufen zivilgesellschaftliche Organisationen und Bewegungen zu Boykotten gegen Unternehmen oder Staaten auf. Bereits im frühen 19. Jahrhundert rief die transnationale Bewegung gegen Sklaverei zu einem Boykott von Produkten auf, an deren Herstellung Sklaven beteiligt waren.
Zivilgesellschaftliche Boykottaufrufe können sich sowohl gegen Unternehmen und Industrien als auch gegen Staaten richten. Sie sind eines der wenigen Instrumente, mit denen zivilgesellschaftliche Organisationen und Bewegungen versuchen andere Akteure tatsächlich zu zwingen, ihre Politik oder ihr Verhalten zu ändern.
Im Projekt wurde untersucht, unter welchen Bedingungen Boykottaufrufe der Zivilgesellschaft Erfolg haben und die gewünschte Verhaltensänderung auf Seiten der Zielakteure erreichen. Im Projekt wurden zivilgesellschaftliche Boykotte seit den 1970er Jahre bis heute untersucht. Boykotte gegen nichtstaatliche Akteure werden mit solchen gegen Staaten in ähnlichen Politikfeldern verglichen. Ziel des Projekts war es, Merkmale und Erfolgsbedingungen nichtstaatlichen Zwangs zu identifizieren.
Projektzeitraum: September 2019 – Februar 2023
Publikationen
- Olympische Spiele in Peking 2022 – Diplomatischer Boykott für mehr Menschenrechte?
| 2022
Coni-Zimmer, Melanie; Andersen, Olesia (2022): Olympische Spiele in Peking 2022 – Diplomatischer Boykott für mehr Menschenrechte?, PRIF BLOG.
Zur Publikation