Unter dem Titel „Die neuen Warlords. Gewaltdynamiken einhegen!“ analysieren die vier führenden deutschen Institute für Friedens- und Konfliktforschung bicc, IFSH, INEF und PRIF im Friedensgutachten 2026 den Zustand der internationalen Ordnung. Ihre Diagnose: Militärische Gewalt wird zunehmend wieder als reguläres Mittel internationaler Politik eingesetzt.
Die Autor*innen beschreiben eine Welt, in der Staaten immer häufiger wie „Warlords“ agieren. Sie missachten internationale Regeln und setzen Gewalt ein, um politische, ökonomische oder territoriale Interessen durchzusetzen. Besonders deutlich werde diese Entwicklung in den Interventionen der USA, Russlands und Israels, aber auch in den regionalen Machtprojektionen Pakistans, der Türkei, Äthiopiens oder der Golfmonarchien.
Aus dieser Analyse leitet das Gutachten konkrete Handlungsempfehlungen für Bundesregierung und Bundestag ab. Deutschland solle sich konsequent am Völkerrecht orientieren, seine Rolle in Europa nutzen und multilaterale Institutionen stärken. Zudem brauche es neue Allianzen für die Einhaltung internationaler Regeln. Für die eigene Sicherheit empfiehlt das Friedensgutachten, resiliente Wertschöpfungsketten aufzubauen und digitale Souveränität anzustreben. Auch innenpolitisch sehen die Forschenden Handlungsbedarf: Antimuslimischer Rassismus, Antisemitismus und andere Formen von Rassismus müssten als gesamtgesellschaftliche Probleme ernst genommen und politisch bekämpft werden.
Die zentralen Befunde des Gutachtens zeigen sich in mehreren Konfliktfeldern und reichen von der Krise der Vereinten Nationen über den Druck auf die Entwicklungszusammenarbeit bis hin zu neuen technologischen Rüstungsdynamiken.
Konflikte auf Rekordniveau: Machtpolitik der Golfstaaten verschärft Gewalt
Der Zeitraum zwischen 2021 und 2024 markiert laut Friedensgutachten die gewalttätigste Phase seit dem Ende des Kalten Krieges. In dieser Zeit wurden 61 bewaffnete Konflikte in 36 Ländern verzeichnet, an denen mindestens ein staatlicher Akteur beteiligt war. Gleichzeitig stieg die Zahl der weltweit Vertriebenen im April 2025 auf mehr als 120 Millionen Menschen.
Ein besonderes Augenmerk legt das Gutachten auf die Rolle der Golfstaaten. Staaten wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar tragen ihre Konkurrenzverhältnisse zunehmend in Krisenregionen aus. Dabei treten sie teils gleichzeitig als Konfliktpartei und Vermittler auf. Diese Vermischung von Intervention und Mediation erschwere nachhaltige Friedenslösungen und trage dazu bei, bestehende Konflikte zu verstetigen.
Vereinte Nationen am Scheideweg: Reform oder Abstieg
Auch die Vereinten Nationen (VN) stehen nach Einschätzung der Forschenden unter massivem Druck. Großmachtrivalitäten blockieren zentrale Entscheidungsprozesse, besonders im Sicherheitsrat. Hinzu kommen finanzielle Kürzungen und konkurrierende politische Formate, die die Autorität der VN weiter schwächen. Trotz dieser Krise sieht das Friedensgutachten keine tragfähige Alternative zur Weltorganisation. Deutschland solle sich deshalb gemeinsam mit mittleren und kleineren Staaten für eine stabile Finanzierung und Reformen einsetzen.
Entwicklungszusammenarbeit als Schlüssel für nachhaltigen Frieden
Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe geraten dem Gutachten zufolge zunehmend unter Druck. Drastische Kürzungen treffen auf einen wachsenden Bedarf: Konflikte, Klimawandel und fragile Staatlichkeit erweitern die Aufgabenbereiche internationaler Hilfe.
Die Forschenden warnen, dass Kürzungen die Instabilität fragiler Staaten verschärfen und eine wirksame Prävention von Gewaltkonflikten erschweren. Deutschland solle sich deshalb auf europäischer und internationaler Ebene für eine bessere Koordination und größere Wirksamkeit von Entwicklungsprogrammen einsetzen.
Friedensübergänge nachhaltig gestalten
Waffenstillstände allein sichern keinen Frieden, heißt es im Gutachten. Nachhaltige Friedensprozesse bräuchten glaubwürdige Sicherheitsgarantien, völkerrechtskonforme Regelungen, einen kontrollierten Umgang mit Sanktionen und den Aufbau stabiler staatlicher Strukturen. Das zeige sich besonders an den Kriegen in der Ukraine, in Gaza und in Syrien. Entscheidend sei, Maßnahmen zur Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration sowie den Wiederaufbau frühzeitig in Verhandlungen einzubeziehen.
Neue Technologien verschärfen Rüstungsdynamiken
Künstliche Intelligenz, autonome Systeme, Cyberfähigkeiten und Biotechnologie verändern nach Einschätzung des Friedensgutachtens die globale Sicherheitspolitik. Sie beschleunigen militärische Prozesse, verstärken Cyberangriffe und begünstigen Desinformation. Gleichzeitig entziehen sie sich häufig etablierten Formen der Kontrolle.
Die Autor*innen sehen darin aber nicht nur Risiken. Neue Technologien könnten auch für eine bessere Rüstungskontrolle genutzt werden. Dafür brauche es flexible und international abgestimmte Regulierungen.
Innerstaatlicher Frieden in Deutschland unter Druck
Das Friedensgutachten richtet den Blick auch auf das politische Klima in Deutschland. Antimuslimischer Rassismus sei strukturell verankert und werde durch sicherheitspolitische Diskurse verstärkt. Antisemitismus sei ebenfalls weit verbreitet und müsse als gesamtgesellschaftliches Problem bearbeitet werden. Er dürfe nicht auf muslimische Gemeinschaften verengt werden. Demokratische Parteien sollten polarisierenden und rassistischen Diskursen, etwa in der Migrations- und Asylpolitik, entschieden entgegentreten. Andernfalls, so die Warnung des Gutachtens, stärkten sie die Agenda autoritärer und rechtsextremer Parteien.
Die Autor*innen des PRIF
Das PRIF hat neben der Redaktionsleitung maßgeblich zum Friedensgutachten 2026 beigetragen. Beteiligt waren Claudia Baumgart-Ochse, Christopher Daase, Nicole Deitelhoff, Mikhail Polianksii, Lucas Kori Leonhard, Malte Göttsche, Una Jakob, Thomas Reinhold, Kadri Reis, Liska Suckau, Felix Bethke, Sascha Hach, Stefan Kroll, Myriel Julie Mathez, Frederik Schissler, Johanna Speyer und Xinyu Yuan.
Das Friedensgutachten 2026 ist ab sofort unter www.friedensgutachten.de verfügbar und erscheint im transcript-Verlag.