Friedensgutachten 2026: Die neuen Warlords

Vier stehende Personen vor blauem Hintergrund, darunter Nicole Deitelhoff

PRIF präsentiert zusammen mit bicc, IFSH und INEF Friedensgutachten 2026 auf Bundespressekonferenz

Unter dem Titel „Die neuen War­lords. Gewalt­dynamiken einhegen!“ analysieren die vier führenden deutschen Institute für Friedens- und Konflikt­forschung bicc, IFSH, INEF und PRIF im Friedens­gutachten 2026 den Zustand der inter­nationalen Ordnung. Ihre Diagnose: Militärische Gewalt wird zunehmend wieder als reguläres Mittel inter­nationaler Politik ein­gesetzt.

Die Autor*innen beschreiben eine Welt, in der Staaten immer häufiger wie „Warlords“ agieren. Sie miss­achten inter­nationale Regeln und setzen Gewalt ein, um politische, ökonomische oder territoriale Interessen durch­zu­setzen. Besonders deutlich werde diese Entwicklung in den Inter­ventionen der USA, Russ­lands und Israels, aber auch in den regionalen Macht­projektionen Pakistans, der Türkei, Äthiopiens oder der Golf­monarchien.

Aus dieser Analyse leitet das Gutachten konkrete Handlungs­empfehlungen für Bundes­regierung und Bundes­tag ab. Deutschland solle sich konsequent am Völker­recht orientieren, seine Rolle in Europa nutzen und multi­laterale Institutionen stärken. Zudem brauche es neue Allianzen für die Ein­haltung inter­nationaler Regeln. Für die eigene Sicher­heit empfiehlt das Friedens­gutachten, resiliente Wert­schöpfungs­ketten aufzubauen und digitale Souveränität anzustreben. Auch innen­politisch sehen die Forschenden Handlungs­bedarf: Anti­muslimischer Rassismus, Anti­semitismus und andere Formen von Rassis­mus müssten als gesamt­gesellschaftliche Probleme ernst genommen und politisch bekämpft werden.

Die zentralen Befunde des Gut­achtens zeigen sich in mehreren Konflikt­feldern und reichen von der Krise der Vereinten Nationen über den Druck auf die Entwicklungs­zusammen­arbeit bis hin zu neuen techno­logischen Rüstungs­dynamiken.

Konflikte auf Rekordniveau: Machtpolitik der Golfstaaten verschärft Gewalt 

Der Zeit­raum zwischen 2021 und 2024 markiert laut Friedens­gutachten die gewalt­tätigste Phase seit dem Ende des Kalten Krieges. In dieser Zeit wurden 61 bewaffnete Konflikte in 36 Ländern verzeichnet, an denen mindestens ein staat­licher Akteur beteiligt war. Gleich­zeitig stieg die Zahl der weltweit Vertriebenen im April 2025 auf mehr als 120 Millionen Menschen.

Ein besonderes Augen­merk legt das Gutachten auf die Rolle der Golf­staaten. Staaten wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar tragen ihre Konkurrenz­verhältnisse zunehmend in Krisen­regionen aus. Dabei treten sie teils gleichzeitig als Konflikt­partei und Vermittler auf. Diese Vermischung von Intervention und Mediation erschwere nachhaltige Friedens­lösungen und trage dazu bei, bestehende Konflikte zu verstetigen.

Vereinte Nationen am Scheideweg: Reform oder Abstieg

Auch die Vereinten Nationen (VN) stehen nach Einschätzung der Forschenden unter massivem Druck. Groß­macht­rivalitäten blockieren zentrale Entscheidungs­prozesse, besonders im Sicherheits­rat. Hinzu kommen finanzielle Kürzungen und konkurrierende politische Formate, die die Autorität der VN weiter schwächen. Trotz dieser Krise sieht das Friedens­gutachten keine tragfähige Alternative zur Welt­organisation. Deutsch­land solle sich deshalb gemeinsam mit mittleren und kleineren Staaten für eine stabile Finanzierung und Reformen einsetzen.

Entwicklungszusammenarbeit als Schlüssel für nachhaltigen Frieden

Entwicklungszusammen­arbeit und humanitäre Hilfe geraten dem Gutachten zufolge zunehmend unter Druck. Drastische Kürzungen treffen auf einen wachsenden Bedarf: Konflikte, Klima­wandel und fragile Staatlich­keit erweitern die Aufgaben­bereiche inter­nationaler Hilfe.

Die Forschenden warnen, dass Kürzungen die Instabilität fragiler Staaten verschärfen und eine wirksame Prävention von Gewalt­konflikten erschweren. Deutsch­land solle sich deshalb auf europäischer und inter­nationaler Ebene für eine bessere Koordination und größere Wirk­samkeit von Entwicklungs­programmen einsetzen.

Friedensübergänge nachhaltig gestalten

Waffenstillstände allein sichern keinen Frieden, heißt es im Gutachten. Nach­haltige Friedens­prozesse bräuchten glaub­würdige Sicherheits­garantien, völkerrechts­konforme Regelungen, einen kontrollierten Umgang mit Sanktionen und den Aufbau stabiler staat­licher Strukturen. Das zeige sich besonders an den Kriegen in der Ukraine, in Gaza und in Syrien. Entscheidend sei, Maß­nahmen zur Entwaffnung, Demobili­sierung und Re­integration sowie den Wieder­aufbau frühzeitig in Verhandlungen ein­zu­beziehen.

Neue Technologien verschärfen Rüstungsdynamiken

Künstliche Intelligenz, autonome Systeme, Cyber­fähigkeiten und Bio­technologie verändern nach Ein­schätzung des Friedens­gutachtens die globale Sicherheits­politik. Sie beschleunigen militärische Prozesse, verstärken Cyber­angriffe und begünstigen Des­information. Gleich­zeitig entziehen sie sich häufig etablierten Formen der Kontrolle.

Die Autor*innen sehen darin aber nicht nur Risiken. Neue Techno­logien könnten auch für eine bessere Rüstungs­kontrolle genutzt werden. Dafür brauche es flexible und inter­national abgestimmte Regulierungen.

Innerstaatlicher Frieden in Deutschland unter Druck

Das Friedensgutachten richtet den Blick auch auf das politische Klima in Deutsch­land. Anti­muslimischer Rassismus sei strukturell verankert und werde durch sicherheits­politische Diskurse verstärkt. Anti­semitismus sei ebenfalls weit verbreitet und müsse als gesamt­gesellschaftliches Problem bearbeitet werden. Er dürfe nicht auf muslimische Gemein­schaften verengt werden. Demo­kratische Parteien sollten polarisierenden und rassistischen Diskursen, etwa in der Migrations- und Asyl­politik, entschieden entgegen­treten. Andernfalls, so die Warnung des Gut­achtens, stärkten sie die Agenda autoritärer und rechts­extremer Parteien.

Die Autor*innen des PRIF

Das PRIF hat neben der Redaktions­leitung maßgeblich zum Friedens­gutachten 2026 beigetragen. Beteiligt waren Claudia Baumgart-Ochse, Christopher Daase, Nicole Deitelhoff, Mikhail Polianksii, Lucas Kori Leonhard, Malte Göttsche, Una Jakob, Thomas Reinhold, Kadri Reis, Liska Suckau, Felix Bethke, Sascha Hach, Stefan Kroll, Myriel Julie Mathez, Frederik Schissler, Johanna Speyer und Xinyu Yuan.

Das Friedens­gutachten 2026 ist ab sofort unter www.friedensgutachten.de verfüg­bar und erscheint im transcript-Verlag.