Perspektiven der Rüstungskontrolle
In Zeiten wachsender geopolitischer Spannungen sind Fragen der Rüstungskontrolle, Abrüstung und Nichtverbreitung so wichtig wie lange nicht mehr. Um die Politik auch langfristig mit der bestmöglichen sicherheits- und rüstungskontrollpolitischen Expertise aus der Wissenschaft zu unterstützen, haben das Auswärtige Amt und PRIF ein gemeinsames Promotionsprogramm für den akademischen Nachwuchs ins Leben gerufen. Vor dem Hintergrund wieder aufkeimender nationaler und internationaler Konflikte, schwindender Unterstützung für multilaterale Verträge, sowie neuer Rüstungsdynamiken und Waffentechnologien, analysieren Promovierende historische, aktuelle und zukünftige Probleme der Rüstungskontrolle und zeigen Möglichkeiten der Kooperation in diesem Bereich auf. Durch die Projekte soll die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit rüstungskontrollpolitischen Fragen weiter an neue technologische, politische und normative Entwicklungen angepasst und gängige politische Praktiken einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Das Promotionsprogramm knüpft an die bereits bestehende Zusammenarbeit zwischen Institut und Ministerium an und soll das Ineinandergreifen von wissenschaftlicher Theorie und politischer Praxis vertiefen: Die Promovierenden von PRIF bringen ihre Expertise ein und erhalten im Rahmen mehrwöchiger Hospitationen gleichzeitig Einblicke in die praktische Umsetzung von Rüstungskontrolle und internationaler Kooperation. Nach der erfolgreichen Pilotphase des Projekts von 2019-2024 mit vier Promovierenden, wird das Projekt seit dem Frühjahr 2024 mit zwei Promovierenden weitergeführt.
Projektphase 2024-2027/8
Diese Dissertation untersucht am Beispiel der Vereinigten Staaten, warum Atommächte, die sich in einem erweiterten Abschreckungsverhältnis befinden, Verhandlungen über nukleare Rüstungskontrolle aufnehmen – und unter welchen Bedingungen sie dies tun. Während sich die bestehende Forschung vor allem mit den Bedingungen für erfolgreiche Vertragsabschlüsse befasst, richtet diese Arbeit den Fokus auf eine vorgelagerte Frage: Warum beginnen solche Staaten überhaupt mit Verhandlungen – insbesondere, wenn sie innerhalb eines Bündnissystems die Glaubwürdigkeit ihrer nuklearen Sicherheitsgarantien wahren müssen?
Ausgehend vom neoklassischen Realismus entwickelt diese Arbeit einen theoretischen Ansatz, der internationale Systemdynamiken mit innenpolitischen Faktoren verknüpft. Sie geht von der Hypothese aus, dass ein Nuklearwaffenstaat, sich in einem erweiterten Abschreckungsverhältnis befindet, dann auf Rüstungskontrolle setzt, wenn er sein Heimatland als verwundbar empfindet, aber innenpolitische Zwänge den Ausbau militärischer Fähigkeiten zur Verringerung dieser Verwundbarkeit einschränken. Mittels Prozessanalyse sowie auf Basis freigegebener Archivquellen und Experteninterviews untersucht die Dissertation, wie das Zusammenspiel internationaler und innenpolitischer Faktoren die Entscheidung zur Aufnahme von Rüstungskontrollverhandlungen prägt.
Durch die Betrachtung der Vereinigten Staaten – der einzigen Atommacht mit einer durchgängigen Praxis nuklearer Rüstungskontrolle im Rahmen erweiterter Abschreckung – leistet die Arbeit einen Beitrag zur Entwicklung einer umfassenderen Theorie der Rüstungskontrollinitiation und bietet damit auch einen analytischen Rahmen für aktuelle Debatten der nuklearen Sicherheitspolitik.
Diese kumulative Dissertation untersucht, wie geschlechtsspezifische Machtlogiken globale Dynamiken der Cybersicherheit prägen und zugleich von ihnen geprägt werden. An der Schnittstelle feministischer Sicherheitsforschung, kritischer Cybersicherheitsforschung und feministischer Ansätze zur Cybersicherheit analysiert das Projekt, wie Cybersicherheitsbedrohungen und -lösungen diskursiv konstruiert werden, wie Sicherheitspraktiken umgesetzt werden und wie Cybersicherheitswissen produziert wird, um zu verstehen, wie diese Prozesse geschlechtsspezifische Hierarchien und Annahmen widerspiegeln, reproduzieren oder in Frage stellen.
Methodologisch basiert die Arbeit auf interpretativen und feministischen Forschungsprinzipien und folgt einem qualitativen Forschungsdesign. Sie arbeitet mit unterschiedlichen Methoden, darunter Diskursanalysen und leitfadengestützte Interviews, um sowohl dominante als auch weniger sichtbare Diskurse, Praktiken und Formen der Wissensproduktion der globalen Cybersicherheit zu untersuchen.
Durch die Zentrierung feministischer und marginalisierter Perspektiven sowie weniger sichtbarer Praktiken und Diskurse setzt sich das Projekt kritisch mit dominanten, häufig geschlechterblinden Narrativen und Praktiken im Feld der Cybersicherheit auseinander. In drei Artikeln möchte die Dissertation sowohl theoretisch zu feministischen und kritischen Cybersicherheitsstudien als auch empirisch zu einem tieferen Verständnis darüber beitragen, wie Macht, Geschlecht und Cybersicherheit in verschiedenen Räumen und bei verschiedenen Akteur*innen zusammenwirken.
Projektphase 2019-2024
Die globale nukleare Ordnung und ihr Herzstück, der Nukleare Nichtverbreitungsvertrag (NVV), befinden sich in einer Krise. Insbesondere die 2017 erfolgte Verhandlung des Vertrags über das Verbot von Kernwaffen (TPNW) hat die etablierte nukleare Ordnung schwer erschüttert. Der neue Vertrag hat die Risse innerhalb der internationalen Nukleararchitektur ans Licht gebracht, insbesondere die wachsende Spaltung zwischen nuklearen „Haves“ und „Have-Nots“. So ist es nicht verwunderlich, dass die Stimmung gegenüber dem Vertrag gespalten ist: Während Befürworter*innen ihn als außergewöhnliche Initiative sehen, die die Abrüstung vorantreibt, betrachten Gegner*innen ihn als Bedrohung für die bestehende nukleare Ordnung. Beide Seiten stimmen jedoch in ihrer Diagnose überein, was die Ursprünge der durch den TPNW aufgedeckten Anfechtung der nuklearen Ordnung betrifft: Sie wird zumeist als direkte Folge unzureichender Abrüstungsschritte, als natürliche Konsequenz der hierarchischen Struktur des NVV oder als zielgerichteter Akt von Norm-Entrepreneurship gedeutet. Dabei werden jedoch die Vielzahl und das Zusammenspiel von Einflussfaktoren, die für die Anfechtung des NVV konstitutiv sind, übersehen.
Das Dissertationsprojekt wirft einen genaueren Blick auf die Kontestationsprozesse, die die Entstehung des TPNWs ausgelöst und gefördert haben und die politischen Auseinandersetzungen in und um den NVV seither begleiten. Dazu greift die Dissertation auf Forschung zu Normenanfechtung und Radikalisierung zurück, um den tatsächlichen Prozess der Anfechtung, der zum TPNW führte, besser zu verstehen. Indem (prozessual) nachgezeichnet wird, wie sich die Positionierungen der Staaten zum TPNW entwickelt haben, möchte die Dissertation darlegen, wie die Anfechtung innerhalb des NVV als Quelle und Verstärker von Radikalisierungsprozessen diente, die sich besonders in der Polarisierung der nuklearen Ordnung widerspiegeln, wie wir sie gerade beobachten. Denn hinter den Auseinandersetzungen um den NVV und den TPNW stehen nicht nur prozedurale oder technische Fragen, z.B. wie nukleare Abrüstung vorangebracht werden kann. Vielmehr ging es bei der Aushandlung des TPNW auch um Fragen der Interpretation der grundlegenden Normen, die der normativen nuklearen Ordnung zugrunde liegen, und um die Machtverhältnisse, die durch den NVV reproduziert und legitimiert werden. Durch diese Perspektive beleuchtet der Artikel die komplexe Natur der Anfechtung innerhalb des NVV, die weder auf die Befürworter*innen noch auf die Gegner*innen des Atomwaffenverbots beschränkt ist.
Aktuelle technologische Entwicklungen im Bereich Künstlicher Intelligenz, Automatisierung und Autonomie spielen besonders im zivilen Bereich eine immer wichtigere Rolle, seien es autonomes Fahren oder die Gesichtserkennung des neuesten Smartphones. Gleichzeitig werden diese technologischen Innovationen auch für militärische Anwendungen immer bedeutsamer und diffundieren aus dem zivilen in den militärischen Bereich. Eine der am intensivsten diskutierten Entwicklungen findet derzeit im Bereich autonomer Waffensysteme statt. Dass diese – in ihrer Konzeption noch nicht existierenden Waffensysteme – so stark auf der internationalen Agenda vertreten sind und, im Gegensatz zu vielen anderen Waffentechnologien, bereits internationale Rüstungskontrollgespräche stattfinden, ist nicht selbstverständlich. Dennoch kommen die Gespräche über eine Regulierung autonomer Waffensysteme nur stockend voran und ein, wie von NGOs geforderter, Verbotsvertrag liegt in weiter Ferne.
Dieses Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit der Frage, wie Wissen über technologische Entwicklungen überhaupt generiert wird und welche Rolle dieses Wissen und Expertise in Rüstungskontrollprozessen von autonomen Waffensystemen spielt. Das Projekt setzt dabei an der essentiellen Überlegung an, wie Prozesse von Rüstungskontrolle eigentlich im Inneren funktionieren. Auf der einen Seite wird Rüstungskontrolle nicht mehr nur von Staaten gelenkt – Expert*innen, NGOs und zivilgesellschaftliche Akteure, die Privatwirtschaft und viele diverse andere mehr haben Einfluss auf diese Prozesse. Auf der anderen Seite ist die Generierung von Wissen über Technologien, aber auch über potentielle Auswirkungen und die Möglichkeiten der Regulierung nicht mehr nur explizit einer Gruppe von Expert*innen vorenthalten. Viele Bedeutungszuschreibungen, Interpretationen und Wissensstände konkurrieren miteinander. Diese lassen sich in ‚socio-technical imaginaries‘ wiederfinden. Dabei ist es wichtig, herauszufinden, wie die Praktiken von Wissensherstellung und –autorisierung funktionieren und wie diese Rüstungskontrolle ‚machen‘/gestalten. Das Dissertationsprojekt zielt darauf ab, diese Prozesse im Rahmen der Debatte um autonome Waffensysteme zu analysieren und zum Verständnis von Rüstungskontrolle beizutragen.
Das Forschungsvorhaben untersucht die Verschränkung von Nuklear- und Geopolitik im Sinne einer Verankerung von Herrschaftsstrukturen in der Nuklearordnung sowie den Widerstand dagegen. Als zentraler völkerrechtlicher Rahmen für diese Herrschaftsstrukturen wird der Nukleare Nichtverbreitungsvertrag (NVV) betrachtet. Die Auseinandersetzung mit dem Widerstand gegen die Ordnung konzentriert sich auf den Vertrag zum Verbot von Nuklearwaffen (VVN). Da sich insbesondere Staaten aus dem globalen Süden daran beteiligten, liegt ein Fokus auf mögliche anti-koloniale Motivationen. Auch die klare Hierarchie der Nuklearordnung spricht für eine Herrschaftsanalyse aus kritischer, postkolonialer Perspektive und Schwerpunktlegung auf die Sicht der Akteure des Widerstandes.
Kennzeichnend für Herrschaft ist für diese Arbeit die Herausbildung einer Hierarchie qualitativ unterschiedlicher Handlungsspielräume und Einflusssphären in einem gegebenen sozialen Kontext. Dieses Verständnis eignet sich für die Anwendung im internationalen Kontext und trägt dem Forschungsinteresse am Widerstand Rechnung.
Zur Erörterung der Wesenszüge der Herrschaftsstrukturen wird auf kritische bzw. postkoloniale Analysetools zurückgegriffen. Die Arbeit entwickelt auf dieser Grundlage sechs Komponenten kolonialer Prägung, denen nachgegangen werden soll. Neben den Vertragswerken, ihrer Normenstruktur und Normengenese, dienen als Datengrundlage qualitative Interviews. Dabei sollen insbesondere die Wahrnehmung und Bewertung der Akteure des Widerstandes in die Analyse eingehen.
Die Dissertation ist unter dem Titel „„Rule & Resistance in the Nuclear Order“ im transcript-Verlag erschienen und steht dank Unterstützung durch den Publikationsfonds des PRIF und der Leibniz-Gemeinschaft open access zur Verfügung.
Die Debatten um konventionelle Rüstungskontrolle auf dem afrikanischen Kontinent werden von einem Fokus auf die illegale Verbreitung kleiner und leichter Waffen dominiert. Dies spiegelt sich auch in Entwicklungsprojekten internationaler Geber wider. Hindernisse bei der Umsetzung von Rüstungskontrollregimen werden dabei vorrangig als Kapazitätsproblem aufgefasst.
In seinem Dissertationsprojekt untersucht Matthias Schwarz, welchen politökonomischen Hürden Compliance in der konventionellen Rüstungskontrolle gegenübersteht. Kapazität wird dabei nur als ein ergänzender Erklärungsfaktor verstanden, aber um die Frage erweitert, welchen Einfluss die Verfasstheit staatlicher Strukturen auf die Umsetzung von Rüstungskontrolle ausübt. Das Projekt basiert vielmehr auf einem Verständnis von Compliance und Implementierung, das in politischen und soziologischen Aushandlungsprozessen nationaler und internationaler Sicherheitspolitik begründet liegt. Vor dem Hintergrund des Vertrags über den Waffenhandel, des Kleinwaffenaktionsprogramms der Vereinten Nationen und regionaler Rüstungskontrollabkommen umfasst der Untersuchungsrahmen zudem die gesamte Bandbreite konventioneller Waffen. Hierbei steht insbesondere Transparenz bei deren Beschaffung im Fokus.
Das Forschungsvorhaben versteht Regierungen also nicht als passive Ausführer sondern als aktive Gestalter von Rüstungskontrolle. Internationale Normen werden demnach im nationalen Kontext politpraktisch angepasst. Die Untersuchung nimmt die zugrundeliegenden Ursachen und Effekte mit einem Fokus auf Aushandlungsprozesse zwischen Regierungen und deren Sicherheitssektor-Organen in den Blick. Sie vergleicht in diesem Zusammenhang drei afrikanische Staaten.
Foto: Silaris Inc. via flickr. CC BY-NC 2.0.
Publikationen
- Kein Grund zum Feiern: 75 Jahre Atomwaffentests
| 2020
Baldus, Jana (2020): Kein Grund zum Feiern: 75 Jahre Atomwaffentests, PRIF Blog.
Zur Publikation - Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück?
| 2020
Ferl, Anna-Katharina (2020): Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück?. Zum Stand der Genfer Gespräche, Wissenschaft und Frieden. Dossier, 90.
Zur Publikation - Digital diplomacy: The debate on lethal autonomous weapons systems in Geneva continues under unprecedented circumstances
| 2020
Ferl, Anna-Katharina (2020): Digital diplomacy: The debate on lethal autonomous weapons systems in Geneva continues under unprecedented circumstances, PRIF Blog.
Zur Publikation - From Legal to Illegal Transfers: Regional Implications of Weapon Flows to Libya
| 2020
Schwarz, Matthias (2020): From Legal to Illegal Transfers: Regional Implications of Weapon Flows to Libya, PRIF Blog.
Zur Publikation - Arms Transfers in the Gulf of Aden
| 2021
Schwarz, Matthias (2021): Arms Transfers in the Gulf of Aden. Shining the Spotlight on Regional Dynamics, PRIF Spotlight, 6, Frankfurt/M. - Ingenieurskunst für die NPT-RevCon
| 2021
Hach, Sascha (2021): Ingenieurskunst für die NPT-RevCon. Wie Deutschland und andere Schirmstaaten Brücken schlagen können, PRIF Spotlight, 15, Frankfurt/M. - The Art of Engineering at the NPT Review Conference
| 2021
Hach, Sascha (2021): The Art of Engineering at the NPT Review Conference. How Germany and Other Umbrella States Can Build Bridges, PRIF Blog.
Zur Publikation - Beyond the Code. Unveiling Gender Dynamics in AI and Cybersecurity for International Security
| 2024
Ferl, Anna-Katharina; Perras, Clara (2024): Beyond the Code. Unveiling Gender Dynamics in AI and Cybersecurity for International Security, PRIF Spotlight, 2, Frankfurt/M. DOI: 10.48809/prifspot2402 - No Quick Solutions: A Different Approach to Hypersonic Arms Control
| 2024
Kuhn, Frank (2024): No Quick Solutions: A Different Approach to Hypersonic Arms Control, War on the Rocks.
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