Christin Stühlen
In meiner Arbeit interessiere ich mich für neuere sozio-ökologische Konflikte in Südosteuropa, die im Kontext eines ‚grünen‘ Extraktivismus stattfinden.
Christin Stühlen ist Doctoral Researcher im Programmbereich Innerstaatliche Konflikte am PRIF. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich neben Bewegungs- und Protestakteuren auch mit verschiedenen Institutionen der Europäischen Union.
CV
| seit 2024
Doctoral Researcher im Programmbereich Innerstaatliche Konflikte am PRIF
| 2024
Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien der Universität Kassel
| 2022–2024
Wissenschaftliche Hilfskraft und Lehrbeauftragte an der Philipps-Universität Marburg
| 2021–2022
Studentische Hilfskraft am Lehrstuhl Feminisms and/from the Global South der Goethe-Universität Frankfurt/M.
| 2021–2022
Elternzeitvertretung in der Öffentlichkeitsabteilung bei medico international e.V.
| 2019–2021
Studentische Mitarbeiterin bei medico international e.V.
| 2018–2022
Masterstudium der Internationalen Studien/Friedens- und Konfliktforschung an der Goethe-Universität Frankfurt/M.
| 2018–2023
Freie Mitarbeit Hessischer Rundfunk
| 2017–2023
Freie Mitarbeit Westdeutscher Rundfunk
| 2015
Erasmus-Aufenthalt in an der University of Akureyri, Island
| 2013–2017
Bachelorstudium der Sozialwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Dissertation
Bemühungen um eine sozial-ökologische Transformation in Südosteuropa werden von zwei parallelen und teilweise miteinander verknüpften Entwicklungen im Zusammenhang mit europäischen Politiken und den EU-Beitrittsperspektiven geprägt. Als eine Voraussetzung für den EU-Beitritt gilt einerseits die Abschaffung fossiler Energieträger – insbesondere Kohle – und der Ausbau erneuerbarer Energiequellen. Andererseits stützt sich die sozial-ökologische Transformation innerhalb der EU zunehmend auf sogenannte transition minerals wie das Leichtmetall Lithium. Das Europäische Gesetz über kritische Rohstoffe (European Critical Raw Materials Act, ECRMA) etwa bietet transnationalen Unternehmen wirtschaftliche Anreize zur Entwicklung neuer Bergbauprojekte in der Region. Inländische und internationale Akteure betonen häufig deren hohe Umwelt- und Sozialstandards.
Gleichzeitig wächst jedoch der Widerstand gegen diese Projekte in weiten Teilen des Balkans. Protestbewegungen benennen dysfunktionale und korrupte staatliche Institutionen und einen dementsprechenden Mangel an Transparenz und Rechenschaftspflicht als zentrale Bedrohungen für lokale Landschaften, Lebensgrundlagen und den regionalen sozialen Zusammenhalt. Arbeitskämpfe machen in kohleabhängigen Regionen die Herausforderungen bei der Umsetzung von just-transition-Plänen für die Lohnabhängigen und ihre regionalen Gemeinschaften deutlich. Die Proteste eint die Befürchtung, dass europäische Nachhaltigkeitsagenden demokratische Prozesse im Inland erschweren und der Idee einer just transition widersprechen.
Das Projekt analysiert jene sozio-ökologischen Transformationskonflikte, die aus diesen EU-getriebenen Entwicklungen im post-jugoslawischen Raum entstehen. Als Fallstudien dienen Bosnien-Herzegowina und Serbien. Die Dissertation verfolgt zwei zentrale Ziele: (1) die Rekonstruktion und Kartierung dieser Konflikte „von unten“ , aus der Perspektive der Protestakteure. Die erste Phase umfasst explorative Feldforschung in Bosnien-Herzegowina und Serbien mit Hilfe von Interviews mit lokalen Aktivist*innen, Arbeiter*innen, Gewerkschaften, Mitgliedern von Gemeinschaften und NGOs sowie teilnehmender Beobachtungen an Protestorten und politischen Veranstaltungen. Es soll empirisch erfasst werden, wie sich sozio-ökologische Transformationskonflikte entfalten und entwickeln – im Hinblick auf ihre zentralen Themen, Dynamiken, Akteur*innen und Konstellationen. In der zweiten Phase wird (2) der Fokus auf zwei konkrete Protestorte (jeweils einer pro Fall) gelegt, um deren politisch-ökonomische Strukturen und historische Entwicklungspfade zu analysieren. Im Zentrum steht die Frage, warum bestimmte sozio-ökologische Konflikte in einigen Kontexten entstehen, eskalieren oder andauern – und in anderen nicht. Durch den analytischen Vergleich der beiden Fälle sollen wiederkehrende Konfliktmuster in der Region identifiziert sowie untersucht werden, wie inter- und transnationale Dynamiken – einschließlich der EU-Beitrittsprozesse – diese lokalen Auseinandersetzungen prägen.
Theoretisch stützt sich das Projekt auf die breite Forschung zu sozio-ökologischen Transformationskonflikten sowie regionaler Protestforschung. Gleichzeitig möchte es zu ersterem einen empirisch beitragen, indem es den bisher wenig erforschten Kontext der (westlichen) Balkanstaaten in den Fokus rückt. Die Dissertation ist durch eine materialistische Perspektive informiert, die danach fragt, wie die grüne Transformation der EU die sozialen und arbeitsbezogenen Bedingungen in der Region materiell beeinflusst – und dadurch die Voraussetzungen für Frieden oder Konflikt verändert. Damit kehrt sie die dominante Perspektive auf die EU, den EU-Beitritt und die EU-Konditionalität um: Diese werden nicht nur als normative Rahmenwerke betrachtet, sondern als konkrete Kräfte, die neue Formen von Konflikt und Auseinandersetzung im (westlichen) Balkan hervorbringen.
Insgesamt zielt das Projekt darauf ab, kritisch zu untersuchen, wie von der EU gelenkte Politiken und Bemühungen um die sozio-ökologische Transformation mit lokalen politischen Ökonomien und sozialen Dynamiken interagieren – und so neue Formen von Widerstand, Konflikt und kollektiver Handlungsmacht in Südosteuropa hervorbringen.
Publikationen
- Transnational companies in environmental conflicts: Rio Tinto, anti-mining resistance in Serbia, and the contradictions of Europeanization
| 2024
Stühlen, Christin; Anderl, Felix (2024): Transnational companies in environmental conflicts: Rio Tinto, anti-mining resistance in Serbia, and the contradictions of Europeanization, Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung, 13: 1, 243–268. DOI: https://doi.org/10.1007/s42597-024-00114-5 - Transnational companies in environmental conflicts: Rio Tinto, anti-mining resistance in Serbia, and the contradictions of Europeanization.
| 2024
Stuehlen, Christin; Anderl, Felix (2024): Transnational companies in environmental conflicts: Rio Tinto, anti-mining resistance in Serbia, and the contradictions of Europeanization., Zeitschrift für Friedens und Konfliktforschung. DOI: 10.1007/s42597-024-00114-5
Zur Publikation - Infrastrukturen der Gewalt. Lützerath, Dannenröder Forst und die Klimagerechtigkeitsbewegung
| 2023
Haudenschild, Daniel; Anderl, Felix; Stühlen, Christin (2023): Infrastrukturen der Gewalt. Lützerath, Dannenröder Forst und die Klimagerechtigkeitsbewegung, Wissenschaft und Frieden , 2: 41, 10–14.
Zur Publikation - An den Grenzen Europas. Fürsorgliche Solidarität als aktivistische Praxis.
| 2021
Stühlen, Christin; Behrends, Jasmin; Reinhardt, Darius (2021): An den Grenzen Europas. Fürsorgliche Solidarität als aktivistische Praxis., Who Cares. Engagée journal , 1: 10, 64–69.
- Solidarität, Care und Widerstand an der französisch-italienischen Grenze.
| 2022
Behrends, Jasmin; Leuthner, Rebekka; Reinhardt, Darius; Stühlen, Christin; Wenz, Ruth; Zirker, Franziska (2022): Solidarität, Care und Widerstand an der französisch-italienischen Grenze., in: KollektivDagegenhalten (eds), Zivilgesellschaftliche Solidaritäten gegen das EU-Grenzregime, 28–33.
- Thirty Years of Onion Politics: Bosnia and Herzegovina on the 30th anniversary of the Dayton Peace Agreement
| 2025
Stühlen, Christin (2025): Thirty Years of Onion Politics: Bosnia and Herzegovina on the 30th anniversary of the Dayton Peace Agreement, PRIF Spotlight, 13, Frankfurt/M. DOI: 10.48809/prifspot2513 - Uprisings in Serbia
| 2025
Trpkovic, Mina; Stühlen, Christin (2025): Uprisings in Serbia. Struggle(s) against a resilient regime, PRIF Spotlight, 2, Frankfurt/M. DOI: 10.48809/prifspot2502 - Grün ist das Versprechen, grau die Realität
| 2024
Stühlen, Christin (2024): Grün ist das Versprechen, grau die Realität, medico international.
Zur Publikation
Weitere Tätigkeiten
- Promovierendensprecherin am PRIF
- Mittelbau-Vertreterin im Haushaltsausschuss der Philipps-Universität Marburg
- Stühlen, Christin (2021): Balkanroute. Innen Außen. Online verfügbar unter https://www.medico.de/blog/innen-aussen-18332
- Behrends, Jasmin/Stühlen, Christin (2020): Kein Zutritt. Was Flüchtlinge an den bewachten Grenzen der Balkanroute erleben. In: Alle heißt alle. medico-Rundschreiben 4 (68), S. 49 – 53.
- The Violence of the Climate Crisis – Extinction, Repression & Environmental Justice Activism (zusammen mit Laura Kotzur) (ipb-Konferenz 2023, organisiert von der Philipps-Universität Marburg, der FU Berlin und dem INTERACT Research Center)
- Green Capitalism and the Global Scramble for Resources (zusammen mit Hannah Pilgrim und Madhuresh Kumar), (Socialism in Our Times – Jacobin Magazin),
https://power-shift.de/termin/green-capitalism-and-resources/