Mit Recht auf Stadt gegen autoritäre Versuchungen

Daniel Mullis mit einer Urkunde in der Hand, im Hintergrund das IG-Farben-Gebäude und die Frankfurter Skyline

Erfolgreiche Habilitation von Daniel Mullis

Kann die Idee des „Rechts auf Stadt“ als Antwort auf das Erstarken autoritärer Kräfte nutzbar gemacht werden? Mit seiner Antrittsvorlesung zu diesem Thema schloss Daniel Mullis am 8. Juli 2026 sein Habilitations­verfahren an der Goethe-Universität ab. 

Ausgangs­punkt für den Vortrag war die Forderung nach einem „Recht auf Stadt“, die der französische Stadt­forscher und Philosoph Henri Lefebvre geprägt hat: Recht auf Stadt bedeutet für ihn einen selbst­bestimmten Rahmen zum Leben jenseits von Verwertungs­logiken, Freiheit, Selbst­entfaltung, Wohnen, Teilhabe und Aneignung. Damit hat die Forderung nach einem Recht auf Stadt auch einen zutiefst demo­kratischen Charakter. 

Städte waren oft Ausgangs­punkte für soziale Bewegungen. Man denke beispiels­weise an den arabischen Frühling oder die Occupy-Proteste in den 2010er Jahren, zu denen Mullis auch in Athen geforscht hat. Multikulturell geprägte Städte wie Frankfurt am Main sind gewisser­maßen die Antithese zu einer völkischen Welt­anschauung. Gleichzeitig sind Städte aber auch Orte rechts­extremer Politik, in denen autoritäre Kräfte Fuß fassen können. Zwar schneidet die extreme Rechte in Groß­städte insgesamt schlechter ab, kann dort aber durchaus Erfolge verbuchen, insbesondere in der städtischen Peripherie. 

Mullis beschrieb im Vortrag zwei Muster, die er in seiner eigenen empirischen Forschung beobachten konnte: Die AfD konnte insbesondere in Stadtteilen mit industrieller Abstiegs­geschichte an Zulauf gewinnen, aber auch in privile­gierten Stadt­teilen mit langer Kontinuität konser­vativer Wählerschaft. Diese Annäherung bürgerlicher und rechter Kräfte thematisiert er auch in seinem Buch „Der Aufstieg der Rechten in Krisenzeiten. Die Regression der Mitte“. 

Zwar gibt es keinen Auto­matismus, der vom sozialen Abstieg zur Unter­stützung autoritärer Kräfte führt, aber Frustrations­erfahrungen und mangelnde Teilhabe machen eine Zuwendung nach rechts wahrscheinlicher. Insofern kann das Recht auf Stadt mit seiner Betonung von Selbst­bestimmung und politischer Teilhabe für alle, die in der Stadt leben, als Gegen­entwurf für die Bedingungen dienen, die den Aufstieg der Rechten begünstigt haben. Mullis beendete seinen Vortrag mit einem Plädoyer für Utopie und Pluralität, die darin bestehe, gerade auch die Nischen und Brüche einer Ordnung sichtbar zu machen.

Die Habilitation von Daniel Mullis ist auf Grundlage seiner Forschungen am PRIF zwischen 2017 und 2025 entstanden und umfasst mehrere fach­wissenschaftliche Veröffent­lichungen sowie das Buch „Der Aufstieg der Rechten in Krisenzeiten. Die Regression der Mitte“, das 2024 im Reclam-Verlag erschienen ist.