Vom 8. bis 10. September fand in Berlin die Jahreskonferenz 2025 des Leibniz-Forschungsverbunds „Wert der Vergangenheit“ statt. Sie befasste sich mit der Frage, wie rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien und Akteure versuchen, gesellschaftlich etablierte und wissenschaftlich fundierte Auffassungen von Geschichte in Frage zu stellen und die Vergangenheit nach ihren eigenen Vorstellungen neu zu interpretieren. Im Zusammenspiel globaler und europäischer Perspektiven diskutierten die Teilnehmer*innen Leugnung, Verschleierung, Mythenbildung, Revisionismus, strategisch eingesetzte Gegennarrative, nationale Rechtfertigungsmuster und Narrative vergangener nationaler Größe und vermeintlich notwendiger Wiedergeburt als zentrale Komponenten rechter Geschichtsauffassungen.
Sabine Mannitz vom PRIF organisierte die Jahreskonferenz gemeinsam mit ihren Kolleg*innen des Forschungsverbands. Am ersten Tag der Konferenz moderierte sie ein Panel zum Thema „Globale Perspektiven“, die sich mit rechtspopulistischen Bewegungen und rechtsextremem Denken in den USA, Indien und Japan befasste. Richard Steigmann-Gall (Kent State University) eröffnete das Panel mit seinem Vortrag mit seinem Vortrag zur Frage des kollektiven Gedächtnisses und Faschismus in den Vereinigten Staaten. Er zeigte auf, dass der zeitgenössische Faschismus, ähnlich wie historische faschistische Regime, eine spezifisch konservative Wendung nimmt, wenn er versucht, Themen nationaler Größe wieder in den Mittelpunkt zu rücken – unter Verwendung von Kategorien wie Rasse, Religion, Geschlecht und Klasse.
Srirupa Roy (Universität Göttingen) setzte die Diskussion über die strategische Mobilisierung von Geschichte fort. Ihr Beitrag über die hindu-nationalistische Rechte in Indien zeigte, wie Akteure überraschenderweise aus dem progressiven linken/liberalen politischen Repertoire Forderungen nach Entkolonialisierung und Anerkennung der universellen Werte der indischen Zivilisation übernehmen. David M. Malitz (Deutsches Institut für Japanstudien, Tokio) gab Einblicke in einen vergleichsweise jungen Akteur: die japanische rechtspopulistische „Do-It-Yourself-Partei“ (Sanseitō). Ausgehend von ihren historischen Narrativen und Identitätskonzepten beschrieb er, warum rechtspopulistische Narrative in Japan – anders als in Europa und Nordamerika – lange Zeit relativ wenig Resonanz an den Wahlurnen fanden, nun aber deutlich an Unterstützung gewinnen.
Rund 80 Teilnehmer*innen diskutierten gemeinsam in den verschiedenen Formaten der Konferenz. Auch die öffentliche Abendveranstaltung „Rechte Geschichtsmythen. Eine Herausforderung für Gesellschaft, Wissenschaft und Politik“ war mit 350 Gästen (davon 120 per Livestream) gut besucht.
Der Leibniz-Forschungsverbund umfasst 21 Institutionen und zahlreiche internationale Partnerorganisationen. Die Forschungen des Verbundes gehen von der Frage aus, welcher Wert der Vergangenheit für Gesellschaften in Geschichte und Gegenwart zugewiesen wird. Die beteiligten Institute untersuchen in gemeinsamen Projekten mit Bezug auf Deutschland, Europa und globale Dimensionen, wie durch Sprache, Medialität und Digitalität historische Evidenz geprägt wird. PRIF wird vertreten von Sabine Mannitz, Leiterin des Programmbereichs Glokale Verflechtungen und Direktoriumsmitglied im Forschungszentrum Transformations of Political Violence (TraCe).
Die Jahreskonferenz 2025 wurde gemeinsam mit der Max-Weber-Stiftung und der Heinrich-Böll-Stiftung organisiert. Zu den weiteren Organisator*innen gehören:
- Achim Saupe (Leibniz-Zentrum für Zeitgeschichte Potsdam, Leibniz- Forschungsverbund „Wert der Vergangenheit“)
- Clara Frysztacka (Heinrich-Böll-Stiftung)
- Magdalena Saryus-Wolska (Deutsches Historisches Institut Warschau), zusammen mit Arnold Bartetzky (Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur Osteuropas)
- Frank Bösch (Leibniz-Zentrum für Zeitgeschichte Potsdam)
- Barbara Christophe (Leibniz-Institut für Bildungsmedien – Georg-Eckert-Institut)
- Paula Diehl (Universität Kiel/International Populism Research Network)
- Heike Liebau (Leibniz-Zentrum Moderner Orient)
- Mascha Neumann (Leibniz-Zentrum für Neue Geschichte Potsdam, Leibniz-Forschungsallianz „Wert der Vergangenheit“)
- Christian Rau (Leibniz-Institut für Zeitgeschichte München)
- Karin Reichenbach (Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur Osteuropas)
- Hans-Ulrich Wagner (Leibniz-Institut für Medienforschung – Hans-Bredow-Institut)
Einen umfassenden Überblick über die Panels, die Abstracts und eine kurze Vorstellung der Speaker*innen sowie die weiteren Konferenzformate bietet der Blog der Jahreskonferenz. Weitere Informationen zur Arbeit des Leibniz-Forschungsverbunds finden sich auf dessen Website.