Wie kann eine scheinbar stille, alltägliche Tätigkeit politisch werden? Und warum zieht sich das Bild des Webens von den schlesischen Webern des 19. Jahrhunderts bis in heutige Protestformen? Diese Fragen bildeten den Ausgangspunkt für einen Vortrag von Christopher Daase über das Weben als Form des Widerstands im Museum Angewandte Kunst Frankfurt.
Von Heinrich Heines ‚schlesischen Webern‘, über Penelopes Webstuhl bis hin zu heutigen Formen des ‚Craftivism‘: Anhand verschiedener Beispiele aus Geschichte, Literatur und Kunst zeigte Christopher Daase die vielfältigen Verbindungen zwischen dem Weben und Formen des politischen Widerstands auf:
Beim Weben – ob als Arbeit oder als Kunstform – handle es sich um eine Tätigkeit, die Menschen zusammenbringt, wodurch Widerstand möglich werde. So stellten Webereien Orte des Zusammenschlusses dar, an denen Protest entsteht – exemplarisch dafür der Weber-Aufstand, der 1844 in Schlesien die prekären Arbeitsbedingungen im Kontext der Industrialisierung adressierte und in Heines Gedicht thematisiert wird. Daases Vortrag machte aber auch deutlich, dass Widerstand kein ‚lauter‘ Protest sein muss: Frühere Beispiele aus der Geschichte – etwa Penelopes Webstuhl – zeigen, wie das Weben als Form des „stillen“ Widerstands thematisiert und als Form der Verweigerung eingesetzt wurde. Und auch heute werde das Weben als Gebrauchsgegenstand zwischen Alltag und Kunstform eingesetzt, um Missstände und Gewalt sichtbar zu machen. Besonders eindrücklich zeigen das die Afghanischen Kriegsteppiche, aber auch Formen des ‚Craftivism‘, durch das politische Botschaften in unerwarteten Räumen sichtbar werden.
Der Politikwissenschaftler machte deutlich, dass Widerstand, das Gegenhandeln gegen eine als illegitim wahrgenommene Ordnung, mehr sei als individuelle „Heldentaten“. Vielmehr basiere Widerstand auf Beziehungen und Strukturen, und entstehe vor allem dann, wenn Menschen sich zusammenschließen. Hier sieht Daase Parallelen zwischen dem Akt des Webens und Widerstand: „Weben heißt, Fäden zusammenzuführen, Strukturen zu schaffen.“ Und auch Widerstand entstehe nicht einfach so: „Er wird gewebt.“
Der Vortrag fand im Zusammenhang mit der Ausstellung Wolle. Seide. Widerstand statt, die bis 14. Juni 2026 im Museum Angewandte Kunst Frankfurt zu sehen ist.