Sowohl Nahla El-Menshawy als auch Fumie Nakamura haben im Mai ihre Dissertationen erfolgreich verteidigt. El-Menshawy ist assoziierte Forscherin am Programmbereich Innerstaatliche Konflikte des PRIF. Neben Hanna Pfeifer und Bahar Baser hat auch Jonas Wolff ihre Dissertation betreut. Nakamura hingegen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Programmbereich Internationale Institutionen des PRIF. Thomas Scheffer und Nicole Deitelhoff haben ihre Dissertation betreut.
El-Menshawy untersucht in ihrer Dissertation „Pracitising Social and Political Trust: An Ethnographic Case Study of the Yemeni Diaspora in Cairo“ die Praxis des politischen, sozialen und zwischenmenschlichen Vertrauens jemenitischer Migrantinnen und Migranten in Kairo.
Sie versteht Vertrauen als interdependenten Prozess einer Diaspora, die unter autokratischen Staatsstrukturen agiert. Im Zentrum der Arbeit steht die Erkenntnis, dass radikale Umbrüche durch Revolution, Krieg und Migration die Wahrnehmung der Heimat und der Mitbürger*innen grundlegend transformieren, wobei historische Bindungen zwischen dem Gast- und Heimatland diese Dynamiken maßgeblich prägen. In ihrer Dissertation kommt sie zu dem Ergebnis, dass soziales Vertrauen zwischen Jemeniten und Jemenitinnen in Ägypten eine zentrale Rolle spielt und sich insbesondere im Kontext der Migration neu konfiguriert.
Auf der vertikalen Ebene äußern jemenitische Migranten den Wunsch nach einer funktionierenden und staatlichen Ordnung im Jemen, wobei die konkrete Ausgestaltung dieser Ordnung nicht vorausgesetzt wird und über klassische weberianische Staatsvorstellungen hinausgedacht werden muss. Gleichzeitig plädiert El-Menshawy dafür, sogenannte „parallele Institutionen“ – etwa stammesbasierte Normen, zivilgesellschaftliche Initiativen und Verwandtschaftsnetzwerke – systematisch mitzudenken, da sie wesentlich zur Aushandlung und Stabilisierung von Vertrauensverhältnissen beitragen.
El-Menshawys Dissertation leistet einen wichtigen Beitrag zur Dekolonisierung der Vertrauensforschung, indem sie zeigt, dass bestimmte soziale Netzwerke, wie etwa die Diaspora, oft dauerhafter und verlässlicher sind als formale politische Ordnungen. Gerade Frauen nehmen hierbei eine Schlüsselrolle ein, die in politischen Prozessen stärker gewichtet werden sollte. Vertrauen ist kein statisches Gut, das Menschen „besitzen“, sondern eine lebendige Praxis, die Migrant*innen nutzen, um ihre Welt auch unter schwierigsten Bedingungen neu zu ordnen.
Nahla El-Menshawy ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Politikwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt und war Doktorandin in der Forschungsinitiative „ConTrust: Vertrauen im Konflikt – Politisches Zusammenleben unter Bedingungen der Ungewissheit“. Ihre Forschungsinteressen sind Radikalisierungs- und Gewaltforschung, Autokratien sowie Legitimationsprozesse im Nahen Osten und Nordafrika.
Fumie Nakamura hat ihre Dissertation „Making Sense of Climate Migration Locally: Three Case Studies of Translation in City Networks“ im Mai ebenfalls erfolgreich verteidigt. Sie zeigt in ihrer Arbeit, wie Städte zusammenarbeiten und voneinander lernen, um die politischen Herausforderungen der Klimamigration zu bewältigen. Darüber hinaus legt sie dar, welche Vorteile es insbesondere bei dem Thema Migration bietet, Städte als Netzwerk zu betrachten anstatt sie als isolierte Einheiten anzusehen.
Klimamigration, auch als klimabedingte Migration bekannt, ist ein schwer fassbares Thema. Hinzu kommt, dass sich verschiedene Forschungsrichtungen und Interessenvertretungen auf einzelne Facetten des Gesamtphänomens spezialisieren. Nakamura hat eine wesentliche Lücke im Diskurs über politische Reaktionen auf die Klimamigration identifiziert: Städte wurden als wichtige Akteure im Rahmen der Klimamigration bislang vernachlässigt. Dabei sind Städtenetzwerke ein entscheidender Schauplatz, an dem Kommunalverwaltungen über Klimamigration informiert und vom Sekretariat bei der Umsetzung von Maßnahmen angeleitet werden.
Mit ihrer Dissertation macht Nakamura darauf aufmerksam, dass die Maßnahmen, die Städtenetzwerke aufgrund von Klimamigration ergreifen, nicht nur auf die Unterstützung der entsprechenden Migrantinnen und Migranten abzielen, sondern dass auch die jeweilige Stadtbevölkerung im weiteren Sinne davon profitiert. Sie plädiert für eine stärkere Einbindung der Städte in die Debatten zur Klimamigration, damit diese ihre Erkenntnisse weitergeben können. Dadurch könnten politische Maßnahmen, die die Klimamigration betreffen, beschleunigt werden.
Fumie Nakamura war Doktorandin an der Goethe-Universität Frankfurt. Ihr aktueller Forschungsschwerpunkt liegt auf Städten als Global-Governance-Akteure und deren Beitrag zu internationalen Normen und Institutionen.