Angriffe auf das Leben oder legitime militärische Ziele? Gewalt gegen Infrastruktur in bewaffneten Konflikten

In bewaff­neten Konflikten leidet die Zivil­bevöl­kerung enorm. In der länder­über­greifenden quanti­tativen Forschung wird das Leiden der Zivil­bevöl­kerung jedoch eng definiert als die Zahl der Zivilist*innen, die als direkte Folge bewaff­neter oder einsei­tiger Gewalt getötet wurden. Dieser enge Fokus auf die Zählung von Todes­opfern vernach­lässigt das enorme Leid, das durch die gezielte Zerstörung von Infra­struktur in bewaff­neten Konflikten verursacht wird. Diese Art von Gewalt verursacht gesund­heitliche und huma­nitäre Krisen zum Zeitpunkt des Ereignisses, aber noch mehr in der Zeit danach. Trotz der katas­trophalen Folgen von Gewalt gegen Infra­struktur wird diese Strategie in der Forschung zu Bürgerkriegs­gewalt bisher weitgehend vernach­lässigt.

Definiert als lebens­wichtige Güter für die Zivil­bevölkerung, ihre Produktion und Verteilung, umfasst Infra­struktur Nahrung, Wasser, Gesundheits­versorgung, Energie, Kommu­nikation und Transport. Neben Angriffen auf solche Einrichtungen erobern oder mani­pulieren bewaffnete Akteure mitunter auch Infra­struktur für mili­tärische Zwecke. So hat der IS beispiels­weise Staudämme am Tigris übernommen und den Wasserfluss umgeleitet. Das Forschungs­projekt konzentriert sich daher auf Angriffe, die Eroberung und Mani­pulation von Infra­struktur. An Gewalt gegen Infra­struktur ist eine Vielzahl von Akteuren beteiligt, von der amtierenden Regierung über externe Staaten bis hin zu nichtstaatlichen Akteuren.

Das Projekt geht von der Hypo­these aus, dass Gewalt gegen Infra­struktur in bewaff­neten Konflikten seit dem Ende des Kalten Krieges zugenommen hat, während direkte Angriffe auf die Zivil­bevöl­kerung abge­nommen haben. Daher werden zunächst in einer statis­tischen Analyse aller Bürgerkriege zwischen 1990 und 2020 die zeitlichen und regionalen Muster von Angriffen auf Infra­struktur und Zivilist*innen in Bürgerkriegen nach dem Kalten Krieg untersucht.

Während staatliche Akteure und insbesondere die stärkste Mili­tärmacht der Welt – die Vereinigten Staaten – in der Zeit nach dem Kalten Krieg den Weg für zunehmende Gewalt gegen Infra­struktur ebneten, wird diese Strategie heute von einer Vielzahl von Kriegsparteien eingesetzt, von amtierenden Regierungen bis hin zu externen Staaten und nichtstaatlichen Akteuren. Das Projekt stellt daher folgende Fragen: Erstens: Wie kam es zur globalen Verbreitung dieser Strategie? Zweitens: Hat die Anwendung dieser Praxis durch die USA ihre Nutzung durch andere staatliche und nicht-staatliche Akteure jenseits des globalen Nordens ermöglicht? Oder sind es innen­politische und regionale Gründe, die Gewalt gegen Infra­struktur durch nicht-westliche Akteure begünstigen? Um die erste Frage zu beantworten, wird das Projekt die normativen, techno­logischen und mili­tärisch-strategischen Verän­derungen in den Gewalt­formen gegen Zivilist*innen und Infra­struktur nach 1945 nachzeichnen. Um die zweite Frage zu beantworten, werden mehrere Fallstudien von Bürgerkriegen in der MENA-Region wie Syrien, Jemen und Libyen analysiert, in denen Infra­struktur in unter­schiedlichem Ausmaß von (nicht-)westlichen Akteuren angegriffen wurde.

Schließlich sollen die Folgen von Angriffen auf Infra­struktur kollaborativ und inter­disziplinär untersucht werden. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Konflikt­forschung zunehmend auf die Unter­suchung von kurzfristigen Auswirkungen von Gewalt konzentriert, angetrieben durch Entwicklungen in der quanti­tativen Kausal­analyse. Während die Forschung insbesondere in letzterem Bereich enorme Fortschritte gemacht hat, geht dieses Projekt von der grundlegenden Annahme aus, dass wir wieder eine länger­fristige Perspektive einnehmen müssen, um die „strukturelle Gewalt“ (Galtung 1969) zu erfassen, die durch die gezielte Zerstörung von Infra­struktur verursacht wird. Die langfristigen negativen Auswirkungen von bewaff­neten Konflikten auf die öffent­liche Gesundheit und Entwicklung rücken erst allmählich ins Blickfeld, aber es gibt keinen expliziten Fokus auf die Auswirkungen von Angriffen auf Infra­struktur. Nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Praxis, etwa wenn Militär­jurist*innen die Verhältnis­mäßigkeit von Angriffen prüfen, werden die langfristigen, nachhaltigen Folgen von Infra­struktur­angriffen vernach­lässigt.

Projektleitung:
1
The bombing of hospitals and local violence dynamics in civil wars: Evidence from Syria | 2023

Schwab, Regine / Krause, Werner / Massoud, Samer (2023): The bombing of hospitals and local violence dynamics in civil wars: Evidence from Syria, in: Households in Conflict Network, https://hicn.org/working-paper/403/.

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2
The weaponization of civilian infrastructure | 2023

Schwab, Regine (2023): The weaponization of civilian infrastructure, CPD Policy Blog, 5.7.2023.

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