Frankfurt am Main, 24.08.2026. Der Krieg in der Ukraine, neue Waffentechnologien und unverblümte Völkerrechtsbrüche: Der Wandel politischer Gewalt scheint derzeit offensichtlich. Doch ihre Transformationen sind weit facettenreicher und betreffen Formen, Institutionen und Deutungen. Das neu erschienene „Routledge Handbook on Transformations of Political Violence“ führt die verschiedenen Dimensionen erstmals in einem umfassenden interdisziplinären Forschungsüberblick zusammen. Der von Thorsten Bonacker, Christopher Daase, Jonas J. Driedger, Nguyễn Phạm Lam-Phương und Jannik Pfister herausgegebene Band bündelt die Forschung des hessischen Forschungszentrums TraCe.
Das Routledge Handbook setzt dort an, wo die Analyse einzelner Gewaltphänomene an Grenzen stößt. Es verbindet unterschiedliche Forschungsstränge und rückt neue Gewaltformen, institutionelle Strukturen und gesellschaftliche Deutungen in den Fokus. „Wir diskutieren viel darüber, ob die Welt friedlicher oder gewalttätiger wird. Dabei gehen weniger offensichtliche Ausprägungen und Veränderungen unter. Mit dem Handbook wollen wir die Komplexität der teils ambivalenten Transformationen sichtbar machen und die Forschung dazu in ihrer ganzen Breite zugänglich machen”, sagt Mitherausgeber Thorsten Bonacker. Beiträge aus Politik- und Sozialwissenschaften, Anthropologie, Geschichts-, Kultur- und Rechtswissenschaft verbinden dafür unterschiedliche theoretische, methodische und empirische Zugänge. Der Open-Access-Band geht aus dem vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderten Forschungsverbund „Transformations of Political Violence (TraCe)“ hervor.
Schon der Blick auf unterschiedliche Gewaltformen zeigt: Neue Formen ersetzen bestehende nicht einfach, sondern treten neben sie, überlagern sie oder verändern altbekannte Konflikte. So werden Bürgerkriege durch externe Unterstützung mit Waffen, Geld oder Technologien internationalisiert, digitale Technologien eröffnen neue Räume für Gewalt, und Angriffe auf kritische Infrastruktur können weit über den unmittelbaren Angriff hinaus auf die Zivilbevölkerung wirken. Damit geraten auch Gewaltformen in den Blick, deren Folgen indirekt oder erst langfristig erkennbar werden.
Die Transformation politischer Gewalt reicht über ihre Erscheinungsformen hinaus. Das Handbook zeigt, welche ambivalente Rolle Institutionen dabei spielen. Einerseits können internationale Organisationen und Regelwerke Gewalt begrenzen und ächten. So schränkt das völkerrechtliche Gewaltverbot die legitime Anwendung zwischenstaatlicher Gewalt stark ein. Zugleich bestehen koloniale Hierarchien und ungleiche Machtverhältnisse in institutionellen Ordnungen fort. Institutionen können demnach Gewalt nicht nur beschränken, sondern sie zugleich in ihren Strukturen ermöglichen und fortschreiben.
Schließlich wirft das Handbook die Frage nach den sich wandelnden Deutungen politischer Gewalt auf. Beiträge zur Erinnerungskultur zeigen etwa den Wandel von der Glorifizierung nationaler Opferbereitschaft hin zum Gedenken an Opfer von Krieg und Verfolgung. Zugleich macht das Handbook deutlich, dass Deutungen Gewalt nicht nur nachträglich erklären, sondern ihr auch vorgreifen können: Erinnerung, Sprache und politische Narrative beeinflussen, wie Konflikte verstanden, legitimiert und geführt werden – etwa wenn Russland einen vermeintlichen Sprachkonflikt zur Rechtfertigung des andauernden Kriegs gegen die Ukraine heranzieht.
Zum Buch:
Bonacker, Thorsten/Daase, Christopher/Driedger, Jonas J./Nguyễn Phạm, Lam-Phương/Pfister, Jannik (2026) (Hrsg.): The Routledge Handbook on Transformations of Political Violence, London/New York: Routledge. https://www.routledge.com/Routledge-Handbook-on-Transformations-of-Political-Violence/Bonacker-Daase-Driedger-LamPhuong-Pfister/p/book/9781041063551
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Pressekontakt
Henriette Franken
Referentin für Wissenstransfer (TraCe, PRIF)
Tel.: 069 – 959 104 – 24
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Über TraCe
TraCe ist ein Zusammenschluss des PRIF – Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung, der Goethe-Universität Frankfurt, der Justus-Liebig-Universität Gießen, der Philipps-Universität Marburg und der Technischen Universität Darmstadt. Es bündelt die hessische Friedens- und Konfliktforschung und wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. Über vierzig Wissenschaftler:innen erforschen in dem Verbund seit April 2022 mithilfe verschiedener disziplinärer und methodologischer Ansätze die Effekte globaler Entwicklungen auf politische Gewalt. Die Ergebnisse werden in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs eingebracht.