Insight Interview: Forschung zum Friedensprozess in Kolumbien

Im Gespräch mit Laura Camila Barrios Sabogal

Im PRIF Insight spricht Laura Camila Barrios Sabogal über ihre Forschungsergebnisse zum Friedensprozess in Kolumbien. Seit 2023 hat sie mehrfach ländliche Gemeinden besucht und die lokale Wiedereingliederung ehemaliger FARC-EP-Kämpfer*innen untersucht. Laura Camila Barrios Sabogal ist Doctoral Researcher am Programmbereich Innerstaatliche Konflikte.

Laura Camila Barrios Sabogal

Laura Camila Barrios Sabogal

Doctoral Researcher

Du beschäftigst dich in deiner Dissertation mit der Integration bewaffneter Kämpfer*innen in die Gesellschaft. Kannst du dein Thema kurz umreißen? Was war deine Ausgangsfrage und wie lautet dein wichtigster Befund?

Am Beispiel Kolumbiens untersuche ich, was ehemaligen Kämpfer*innen der FARC-EP (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo) nach dem Friedensabkommen von 2016 hilft, dauerhaft im zivilen Leben anzukommen – und was diesen Weg erschwert oder sogar gefährdet.

Mein wichtigster Befund: Die Wiedereingliederung ist mehr als die Umsetzung staatlicher Programme oder ein neuer Job für Exkombattant*innen. Entscheidend ist, ob die ehemaligen Kämpfer*innen sich gemeinsam organisieren können und Zugang zu Land haben. Von großer Bedeutung ist ebenfalls, wie die Menschen in den umliegenden Gemeinden auf sie reagieren, welche Rollen Frauen und Männern zugeschrieben werden und wie sicher sie leben. Nachhaltige Wiedereingliederung entsteht also aus dem Zusammenspiel von Staat, Gemeinschaft und lokalen Beziehungen – und sie ist immer von bestehenden Machtverhältnissen geprägt.

Die Idee eines nachhaltigen Friedens steht in diesem Jahr in vielen Debatten am PRIF im Mittelpunkt. Wie passen deine Forschungsergebnisse dazu – und was können wir aus Kolumbien über die Voraussetzungen für dauerhaften Frieden lernen?

Ein Friedensabkommen ist ein wichtiger Anfang, doch seine Unterzeichnung allein schafft noch keinen dauerhaften Frieden. Frieden ist kein Zustand, der auf dem Papier erreicht wird, sondern ein fortlaufender, gemeinschaftlicher Prozess, der im Alltag gelebt und immer wieder neugestaltet werden muss.

Dauerhafter Frieden setzt somit voraus, dass Wiedereingliederungsprozesse nicht nur langfristig bestehen, sondern sich auch an veränderte Bedingungen anpassen können – trotz institutioneller Hürden, begrenzter Ressourcen und anhaltender Sicherheitsrisiken. 

Frieden ist kein Zustand, der auf dem Papier erreicht wird, sondern ein fortlaufender, gemeinschaftlicher Prozess, der im Alltag gelebt und immer wieder neugestaltet werden muss.

Entscheidend ist, dass ehemalige Kämpfer*innen ihren Weg ins zivile Leben fortsetzen können und erneute Beteiligung an bewaffneter Gewalt verhindert wird. Gleichzeitig sollte Wiedereingliederung dazu beitragen, gesellschaftliche Akzeptanz zu fördern, Vertrauen und Versöhnung zu ermöglichen und neue Formen des Zusammenlebens zu schaffen. Nachhaltigkeit lässt sich deshalb nicht allein daran messen, ob ein Prozess formal fortbesteht, sondern auch daran, welche Veränderungen er ermöglicht und ob diese langfristigen Bestand haben.

Außerdem bedeutet Frieden nicht für alle dasselbe. Wie Menschen ihn erleben, hängt davon ab, welche Gewalt und Unsicherheit sie erfahren haben und wie sich ihr Leben seither verändert hat. Krieg und Frieden folgen zudem nicht immer klar aufeinander: Während manche Menschen ein ziviles Leben aufbauen, gibt es in anderen Regionen weiterhin Gewalt. Die aktuellen Probleme bei der Umsetzung des Abkommens, vor allem bei Sicherheit und Landzugang, zeigen das deutlich.

Für mich ist das eine zentrale Lehre aus Kolumbien: Frieden ist vielfältig und entsteht weder allein durch den Staat noch allein durch lokale Initiativen. Der Staat schafft den Rahmen, und die Menschen vor Ort füllen ihn mit Leben. Sie können aber Probleme wie fehlenden Landzugang oder anhaltende Unsicherheit nicht allein lösen. Es braucht verlässliche Institutionen, langfristige Investitionen und Freiraum für lokale Akteur*innen.

Du hast die Broschüre „La paz integral“ entwickelt, um deine Forschungsergebnisse mit den Teilnehmenden zu teilen. Wie bist du dabei vorgegangen?

Mir war es wichtig, die Ergebnisse meiner Forschung nicht nur in wissenschaftlichen Artikeln zu veröffentlichen, sondern sie auch den Menschen zugänglich zu machen, die ihre Erfahrungen und Perspektiven mit mir geteilt haben. Die spanischsprachige Broschüre dient dem Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und lokaler Bevölkerung und soll dazu beitragen, lokale Friedensprozesse gezielter zu stärken, ohne die Komplexität der Erfahrungen vor Ort zu vereinfachen. 

„La paz integral“ basiert auf einer Studie dazu, wie Frauen und Männer Konflikt und Frieden erleben, den Friedensprozess und die Wiedereingliederung ehemaliger FARC-EP-Kämpfer*innen wahrnehmen und welche Rollen sie in lokalen Friedensbemühungen übernehmen. 

Methodisch habe ich mit Korporografien gearbeitet – visuellen Darstellungen, mit denen die Befragten ihre Erfahrungen körperbezogen ausdrücken konnten. Dazu zeichneten sie in Körperumrissen ein, welche Spuren der Konflikt in ihren Körpern hinterlassen hat und was Frieden für sie bedeutet. So ließen sich neben ihren Einschätzungen auch die körperlichen und emotionalen Dimensionen ihrer Erfahrungen in die Analyse einbeziehen. Zugleich wurde sichtbar, wie sich Konflikt und Friedensprozesse auf ihr Leben auswirken.

Sowohl die Broschüre als auch die Ausstellung verstehe ich nicht nur als Formate der Wissensvermittlung, sondern auch als Möglichkeiten, lokales Wissen und die Erfahrungen der Menschen sichtbarer zu machen und den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern. 

Ergänzend zur Broschüre habe ich in Frankfurt eine Fotoausstellung gestaltet, die auf dem Körpermapping-Prozess basierte und von einer öffentlichen Diskussion begleitet wurde. Damit sollten die im Forschungsprozess gewonnenen Perspektiven auch in breitere gesellschaftliche Debatten über Friedensförderung eingebracht werden. Sowohl die Broschüre als auch die Ausstellung verstehe ich nicht nur als Formate der Wissensvermittlung, sondern auch als Möglichkeiten, lokales Wissen und die Erfahrungen der Menschen sichtbarer zu machen und den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern. 

Welche Rolle spielte das deutsch-kolumbianische Friedensinstitut CAPAZ – ein Partner des PRIF – in deiner Forschung?

Eine sehr wichtige. Das Instituto Colombo-Alemán para la Paz (CAPAZ) ist ja eine Vernetzungsplattform für Wissenschaftler*innen und Universitäten aus Kolumbien und Deutschland, die sich mit Friedensforschung, Vergangenheitsbewältigung, Erinnerungskultur, Konfliktprävention und der Gestaltung einer Post-Konflikt-Gesellschaft beschäftigen. Weil ich zwei von CAPAZ finanzierte Projekte koordiniert habe, konnte ich meine Auseinandersetzung mit dem kolumbianischen Friedensprozess über mehrere Jahre vertiefen und meine empirische Forschung in Zusammenarbeit mit Partnern in und aus Kolumbien weiterentwickeln. Das hat es mir ermöglicht, über mehrere Jahre immer wieder nach Kolumbien zu reisen, den Kontakt zu den Menschen zu halten, um deren Erfahrungen in meiner Forschung zu nutzen, und weiter von ihnen zu lernen. Diese Kontinuität war für meine Dissertation entscheidend.

Außerdem konnte ich bei den Nachwuchskonferenzen von CAPAZ drei Beiträge vorstellen, die in meine Dissertation eingeflossen sind. Das Feedback dort hat meine Argumentation deutlich gestärkt.

Für mich steht CAPAZ auch für die Bedeutung der deutsch-kolumbianischen wissenschaftlichen Zusammenarbeit, die Räume für den Austausch von Wissen schafft und unterschiedliche Perspektiven zusammenbringt. Die Kooperation ermöglicht Forschung, die wissenschaftliche Erkenntnisse mit den Herausforderungen des Friedensaufbaus vor Ort verbindet.

In diesem Jahr jährt sich das Friedensabkommen zwischen Regierung und FARC-EP zum 10. Mal. Zugleich nehmen in Kolumbien seit ein paar Jahren gewaltsame Auseinandersetzungen zu. Was kann die internationale Staatengemeinschaft unternehmen, um das Abkommen zu stützen?

Das Jubiläum sollte die internationale Gemeinschaft nutzen, um ihre Unterstützung für die vollständige Umsetzung des Abkommens zu bekräftigen und ihr langfristiges Engagement dafür deutlich zu machen. Das Abkommen hat viel verändert. Die anhaltende Gewalt zeigt aber, wie zerbrechlich diese Fortschritte sind, solange zentrale Zusagen nicht eingehalten werden.

Das Jubiläum sollte die internationale Gemeinschaft nutzen, um ihre Unterstützung für die vollständige Umsetzung des Abkommens zu bekräftigen und ihr langfristiges Engagement dafür deutlich zu machen.

Aus meiner Sicht sind vier Dinge wichtig: Erstens braucht es verlässliche politische und finanzielle Unterstützung, vor allem für den Zugang zu Land, für wirtschaftliche Perspektiven in den betroffenen Regionen und für lokale Institutionen.

Zweitens müssen ehemalige Kämpfer*innen, deren Familien, soziale Aktivist*innen und lokale Gemeinschaften geschützt werden. Straftaten dürfen nicht ungestraft bleiben. Dazu gehört, die 2016 eingeführte „Sondergerichtsbarkeit für den Frieden“ (Jurisdicción Especial para la Paz – JEP) zu stärken. Diese Institution klärt schwerste Verbrechen auf, stärkt die Rechte der Opfer und soll sicherstellen, dass sich solche Taten nicht wiederholen. Dafür braucht sie politische Unabhängigkeit und ausreichende Mittel. Ohne Sicherheit, Gerechtigkeit und Anerkennung des erlittenen Leids bleiben Wiedereingliederung und Versöhnung gefährdet.

Drittens sollte die internationale Gemeinschaft die Umsetzung weiterhin kritisch begleiten, Fortschritte und Rückschritte benennen und den Austausch zwischen Staat, Zivilgesellschaft und den Menschen in den Regionen fördern. Dabei zählen nicht nur die formalen Verpflichtungen, sondern auch die Sichtweisen derjenigen, die den Frieden vor Ort gestalten.

Viertens sollte sie darauf hinwirken, dass ein Regierungswechsel die seit 2016 geschaffenen Strukturen nicht infrage stellt. Das Abkommen ist eine Verpflichtung über einzelne Regierungen hinaus. Gemeinsame Projekte, Verfahren der Aufarbeitung, wirtschaftliche Existenzgrundlagen, soziale Beziehungen und neue zivile Identitäten brauchen Kontinuität und Schutz.

Internationale Unterstützung und staatliche Politik sollten nicht nur die Umsetzung des Abkommens sichern, sondern auch die Bedingungen stärken, unter denen Menschen trotz anhaltender Unsicherheit ein ziviles Leben aufbauen und friedliche Beziehungen dauerhaft gestalten können. 

Internationale Unterstützung und staatliche Politik sollten nicht nur die Umsetzung des Abkommens sichern, sondern auch die Bedingungen stärken, unter denen Menschen trotz anhaltender Unsicherheit ein ziviles Leben aufbauen und friedliche Beziehungen dauerhaft gestalten können. Die Verantwortung liegt in erster Linie bei den kolumbianischen Institutionen und den Vertragsparteien. Die internationale Gemeinschaft kann aber dazu beitragen, dass Zusagen eingehalten werden und die Menschen, die sich für Frieden einsetzen, nicht allein gelassen werden.